Nordrhein: Speldorf nun Tabellenführer

Nach Sieg in letzter Minute

19. August 2006, 13:43 Uhr

VfB-Fan Michael war sich ganz sicher: „Morgen werde ich zuerst den WDR-Videotext einschalten. Seite irgendwie, Tabelle Oberliga. Das wird auf dem Handy und dem Computer mein Hintergrundbild.“ Der VfB Speldorf ist Tabellenführer der Oberliga Nordrhein! Zwar nur am vierten Spieltag und auch nur für 19 Stunden – aber für den kleinen Verein aus einem Mülheimer Vorort ist das eine feine Sache.

Es war ein Spiel ganz nach dem Geschmack der grün-weißen Fans. Freitagabend und Flutlicht – unter diesen Bedingungen ist der VfB ohnehin schwer zu schlagen. Ein Gegentor – das macht keinen Speldorfer verrückt. Und ein Tor kurz vor Schluss? Das gelang nicht nur beim 2:1-Heimsieg im ersten Heimspiel gegen ETB Schwarz-Weiß Essen, sondern auch am Freitag gegen Aufsteiger SSG Bergisch-Gladbach. Und was war das für ein Geschoss, das Marco Ferreira in Minute 89 abfeuerte: Elegant ließ er zwei Spieler aussteigen, nahm genau Maß und schlenzte das Leder aus 20 Metern Entfernung mit dem Innenrist in den rechten Torknick. „Sensationell“, schwärmte VfB-Trainer Lussu. „Ein Sonntagsschuss“, sagte SSG-Coach Lars Leese.

Leese kam als Geburtstagskind zum Blötter Weg und schlich um 22.30 Uhr enttäuscht in den Mannschaftsbus. Sein Team hatte sich tapfer gewehrt, erfüllte über weite Strecken die taktischen Vorgaben, fuhr aber mit leeren Händen nach Hause.

Wie sahen die taktischen Vorgaben aus? Die Gäste spielten defensiv und versuchten, schnell zu kontern. Das ging gut. Lediglich in den zehn Minuten vor der Pause geriet Bergisch Gladbach unter Druck. Zudem ließ der Aufsteiger viele, viele Standardsituationen zu. Die Eckenbilanz betrug am Ende 13:2 für die Speldorfer – 6:0 zur Pause. In der Chancenstatistik sah das etwas anders aus. Zwar schossen beide Teams ab und zu aufs Tor, eine hundertprozentige Möglichkeit war jedoch nicht dabei.

Das änderte sich unmittelbar nach dem Wechsel. Die 800 Zuschauer hatten noch gar nicht Platz genommen, da hieß es 0:1. Linksverteidiger Martin Kwoczala war bis an die Grundlinie aufgerückt. Seine Flanke verwertete Sükrü Ayranci per Kopf.

Der VfB erhöhte den Druck. Lussu brachte mit Damiano Schirru und Dennis Rommel zwei offensive Spieler (54.). Der Ausglich fiel nur kurze Zeit später. Einen Freistoß von Sergii Tytarchuk verlängerte Dennis Rommel per Kopf auf Christian Flöth. Der Innenverteidiger brachte den Ball mit einem Fallrückzieher aufs Tor und der sonst so starke SSG-Keeper Sven Forsbach konnte die Kugel nur abklatschen, Marco Ferreira staubte ab – 1:1 (63.).

Die Marschroute der Grün-Weißen war schnell zu sehen: Kein Torjubel, Ferreira holte den Ball aus dem Netz. Doch danach wurde es ruhig. Die Speldorfer zogen sich zurück. Fast wäre das komplett schief gegangen. In der 75. Minute köpfte Ayranci an den Pfosten – das wäre der K.o. gewesen. Es blieb spannend. Sechs Minuten vor Schluss: Egler flankt, Rommel köpft und Forsbach hält. Eine Minute vor Schluss kommt Ferreira! Der Speldorfer Spielmacher ist eine Klasse für sich, sein Sonntagsschuss sitzt und ganz Speldorf liegt sich in den Armen.

Mit zehn Punkten nach vier Spielen hatte kein Speldorfer gerechnet. Bereits am Mittwoch (19 Uhr) reisen die Grün-Weißen zum vorgezogenen Spitzenspiel ins Stadion Sonnenblume zur SSVg Velbert. SSVg-Trainer Frank Kurth schaute sich seinen Ex-Klub persönlich an. Vom Speldorfer Vorsitzenden Klaus Wörsdörfer wurde er mit einer Umarmung begrüßt. Kurth hat eine selbstbewusste VfB-Mannschaft gesehen, die im Moment durch Laufbereitschaft und Ehrgeiz überzeugt. Am Mittwoch kehrt der Top-Torjäger zurück. Krzysztof Benedyk hat seine Sperre abgesessen.

Wie wird der Videotext wohl am Mittwochabend aussehen?

Auf Seite 2: Aufstellungen und Stimmen zum Spiel

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