Bei der Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht gestürzt!

100. Wiegenfest von RWE mit überzeugender Zelebrierung

og
04. Februar 2007, 21:17 Uhr

Bei der Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht gestürzt!

Bei der Gratwanderung zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht gestürzt! Man muss ausdrücklich positiv betonen, dass RWE die Jubliäums-Feierlichkeiten zum 100. Wiegenfest überzeugend gestaltete, trotz der Festivität wurde sich nicht in die Tasche gelogen, aus der prekären Lage des Tabellenvorletzten in der zweiten Bundesliga kein Hehl gemacht. Angefangen mit der eher rustikalen Lustbarkeit für die knapp 3500 Fans (RWE hat eine sehr leidensfähige Spezie) im Delta Musik Park (Westviertel), die mit einem mitternächtlichen Feuerwerk in die runde Zahl reinfeierten. Übergehend in das schicke Ambiente - was nicht jeder angemessen würdigte - der Essener Philarmonie, eines der beeindruckensten Konzerthäuser Europas mit etwa 600 von Intendant Martin Kaufmann begrüßten geladenen Gästen, endend in einer prima moderierten (Dieter Kürten, Daniel Rott) und prominent bestückten Fete mit Musik, Unterhaltung ("Atze Schröder"), Sport in der Grugahalle.

Zusammengefasst, der Traditionsverein aus dem Revier hielt Hof: Harte Rockmusik, Beethovens 5. (wie passend: Die Schicksals-Sinfonie intoniert von den Essener Philarmonikern), Gala-Dinner. Das komplette Team war beim "Hopping" zwischen Nostalgie, Realität und Zukunftshoffnung immer dabei, durfte sich auch das "Mitternachts-Special" des "Proll-Comedian" Schröder gönnen.

Die Laudatio in der Philarmonie (moderiert von WAZ-Lokalchef Wulf Mämpel, der Gourmet erfreute sich an leckerem Finger-Food) hielt Heribert "Nabend allerseits" Faßender, der das Mainzer Beispiel nannte und zwei Siege hintereinander theoretisierte, "damit hättet ihr wieder den Kontakt", sowie sich an ein ausgiebiges Radio-Interview mit "Boss" Helmut Rahn erinnerte, das aber "irgendein Schnarchohr" im WDR-Archiv löschte.
In der "Bütt" stand auch Hans-Georg Moldenhauer (Vizepräsident DFB), der DFB-Chef Dr. Theo Zwanziger vertrat und sicherlich die überzeugendste "Keynote" anbot: Sehr menschlich, sehr nachdenklich, sehr amüsant, einfach sehr sympathisch. Der ehemalige Torhüter des 1. FC Magdeburg, der davon berichten konnte, von "Kult-Ente" Willi Lippens höchstpersönlich auf dem Platz veräppelt worden zu sein, wusste noch ganz genau, nach 1954 wollte auch in der ehemaligen DDR jedes Bürschchen beim Bolzen "die Rolle von Rahn spielen, klar, der schoss immer die Tore." Faßbender traf den Nagel auf den Kopf: "Wenn Helmut heute aktiv wäre, würde Chelseas Abramowitsch mehr für ihn bieten, als für Michael Ballack und Andrej Schewtschenko zusammen."

Wolfgang Holzhäuser (Vertreter der DFL, Geschäftsführer Bayer Leverkusen) benutzte (missbrauchte) die Veranstaltung dazu, mit der Vertretung der RWE AG - gleichzeitig auch Sponsor von Bayer - "Schmusibusi" zu veranstalten. Was nichts brachte, das RWE verabschiedet sich bei Bayer im Sommer, vielleicht gut für Essen, das unter Umständen auf mehr Engagement hoffen kann. Gleichzeitig erinnerte Holzhäuser auch an sein ehemaliges Amt als Ligasekretär, als er RWE zweimal die Lizenz entzog. Mit diesem Rückblick griff er in den Mist.

Essens Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Reiniger bezog klar Stellung, sprach vor allen Dingen von einer "sozialen Balance". Übersetzt: Natürlich benötigt die Kulturhauptstadt 2010 Essen eine Philarmonie (genannt "Essens gute Stube"), allerdings auch "ein neues Stadion für die vielen Fußballfans." Sein Szenario: RWE als 2010-Bundesligist - hier war sie, die Gratwanderung. Der Mann hat bekanntlich das schwarze CDU-Parteibuch, machte aber in Richtung RWE-Präsident Rolf Hempelmann klar: "Wir Roten müssen zusammenhalten." Der konterte: "Ein guter Verein braucht ein gutes Zuhause."

Gratulanten gaben sich die Klinke in die Hand, so die "Boss-Fraktion" Hans-Joachim Watzke und Dr. Reinhard Rauball (beide Borussia Dortmund), Gerd Rehberg (Schalke 04), Walter Hellmich (MSV Duisburg), Stefan Kuntz, Ansgar Schwenken (VfL Bochum), Michael Meier (1. FC Köln), Andreas Rettig (FC Augsburg), der bekanntlich heute zum Meisterschaftsspiel wieder da ist. Hempelmann: "Heute kriegen wir drei Punkte als Geschenk." Willi Wißing (SG Schönebeck), Klaus Schorn (TUSEM), Jürgen Taschner (ESC Moskitos) sowie der ETB (Heinz Hofer, Manfred Kuhmichel) reihten sich ein, lebende Zeitgeschichte gleichfalls: Frank Kurth, Fritz Herkenrath, Vitus Sauer, Werner Kik, Frank Mill, Fred Bockholt. Auch Ex-Funktionäre gehörten dazu: Hans Schwerdtfeger, Rolf Neuhaus, Wilfried Schenk und der langjährige Geschäftsstellenleiter Paul Nikelski. Die Poltik war natürlich im Fokus, so wehten die Flaggen von NRW-Innen- und Sportminister Dr. Ingo Wolf, Landtags-Präsidentin Regina van Dinter sowie Essens politische Spitze Annette Jäger und Rolf Fliß. Auch Ex-Ministerin Antje Huber war da. Anekdoten hier, Anekdoten da.

Dass Hempelmann natürlich an Vereinsgründer Georg Melches - den "Schlote-Baron" - erinnerte, war ein Muss, denn ohne Vergangenheit keine Zukunft. Mämpel mit treffender Wortwahl: "100 Jahre Rot-Weiss, das bedeutet auch 100 Jahre Stadtentwicklung. Zukunft braucht Herkunft." Die Verquickung ist da, Industriegeschichte und Club-Historie, für Dr. Reiniger "die Faszination von RWE, der Club stand in den Fünfzigern auch für den Neuaufbau nach dem Krieg." Beispielhaft war die Südamerika-Tour, deutsche Städte bemühten sich um Auslandskontakte.

Seit dreißig Jahren ist der "OB" Club-Mitglied, betont, dass "Städte auch über Spitzensport wahrgenommen werden." Der ohne Sponsoren nicht möglich ist, deshalb zog Hempelmann natürlich vor den erschienenen Dr. Dietmar Kuhnt, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der RWE AG, und Dr. Alfred Tacke, Vorsitzender der Geschäftsführer der STEAG GmbH, beides auch Hauptsponsoren der Gala, den verbalen Hut.
Die Metropole definiert sich auch über sportliche Spitzenqualität, leidet unter Misserfolg. Und das seit Jahrzehnten, womit der Sprung glückte zur sogenannten "Jahrhundert-Elf", die kurz vor Mitternacht in der Grugahalle auf der Bühne geehrt und von den Gästen - Sternekoch Frank Rosin beköstigte - gefeiert wurde. Nicht mit dabei waren Willi Lippens (USA-Aufenthalt) und Otto Rehhagel (griechische Nationalmannschaft).

Autor: og

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