RWE: Youngster-Herzen und Absage an die Besinnlichkeit

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21. Dezember 2006, 19:24 Uhr

Quo vadis RWE? Dürftige 13 Zähler aus 17 Matches liegen auf dem Konto des Deutschen Meisters von 1955.

Quo vadis RWE? Dürftige 13 Zähler aus 17 Matches liegen auf dem Konto des Deutschen Meisters von 1955, die Truppe von Coach Lorenz-Günther Köstner liegt nach dem aktuellen 1:2 zuhause gegen Duisburg fünf Punkte hinter dem ersten Nichtabstiegsplatz, erwartet am Freitag, 19. Januar 2007 im Georg Melches-Stadion (18 h) den 1.FC Kaiserlautern, gastiert danach am Sonntag, 28. Januar, im Freiburger Dreisamstadion (14 h) und will in der dann folgenden Woche seinen 100. Geburtstag feiern. Eine Gala, bei der der Champagner ziemlich wie Spülwasser schmecken könnte. In der letzten Zweitligasaison, die ebenfalls mit dem Abstieg endete, stand man zur Winterpause, damals am 12. Dezember 2004 nach dem 0:4 in Unterhaching, mit drei Punkten mehr als Tabellenschlusslicht da, mit drei Zählern Rückstand auf Rang elf. Damals brachten Durchhalteparolen und Neuzugänge nichts, man ging jämmerlich ab. Geschichte wiederholt sich bislang, soll allerdings nicht wieder genau so tragisch enden. Reviersport unterhielt sich mit Olaf Janßen, Sportlicher Leiter des wankenden Traditionsvereins. Auch sein Job hängt vom Ausgang der Saison ab - wohl nicht nur seiner.

Olaf Janßen, nach dem Schlusspfiff gegen den MSV sah man Sie ziemlich fassungslos - korrekt?

Wer das Spiel gesehen hat und unsere Situation kennt, der weiß, Kopfschütteln ist das Mindeste. Das Team hat sich zerrissen, wurde aber am Ende böse bestraft. Wenn man dann die Hinrunde betrachtet, wir hätten ähnliche Partien wie in Kaiserslautern, zuhause gegen Karlsruhe, Paderborn und aktuell Duisburg. Das sind eine Menge Partien, in denen die Leistung abgerufen wurde, aber nicht die Punkte bei uns landeten. Das ist schon bitter, man könnte fast meinen, wir haben etwas ganz Schlimmes verbrochen.

Eigentlich lief es doch zuletzt, oder?

Wir waren absolut in der Spur, das muss man so sagen, vor allen Dingen mental. Die Jungs lagen wieder zurück, glichen aus, man hat deutlich gesehen, das Team wollte und hatte auch Lösungsmöglichkeiten, lässt sich nicht runter ziehen. So was passiert leicht in solchen Situationen, aber das ist bei uns nicht geschehen.

Nun schleppen Sie den 1:2-Frust gegen den MSV mit sich herum.

Hart, mit einer solchen Niederlage in die Winterpause zu gehen, es bringt nichts, die gute Miene aufzusetzen, das würde die Gemütslage nicht wirklich wiederspiegeln.

Arie van Lent, Danijel Stefulj, Hilko Ristau, Dirk Langerbein werden in der Rückrunde auch nicht mehr mit dem Zweitliga-Kader trainieren.

Die Tendenzen sind klar, die Fälle sind unterschiedlich zu betrachten. Es spielen die Leistungen einerseits eine Rolle. Andererseits gibt es einen anderen Ansatz mit Arie. Er war in der Regionalliga nach seiner Verpflichtung ein Garant dafür, dass wir aufgestiegen sind. Er identifizierte sich hundertprozentig mit der Aufgabe. Er hatte nicht nur den Bandscheibenvorfall, kassierte immer wieder Rückschläge. Irgendwann ist man an einem Punkt, wo es nicht mehr geht. So was hat auch der Akteur nicht verdient, dabei will er immer und ist heiß, aber dieses permanente Zurückkämpfen bringt nichts. Wir setzen Arie nicht auf die Bank, um ihn für die letzten beiden Minuten zu bringen, damit die Fans ihn feiern oder fordern können. Damit tut sich doch keiner einen Gefallen. Genau darüber haben wir ein sehr gutes, offenes Gespräch geführt. Es ging auch überhaupt nicht um finanzielle Dinge.

Stichwort Paulo Sergio, gefeierter Transfer, bisher ohne Effekt.

Bei Paulo ist die Sache auch anders, der Junge hat das richtige Herz und Können. Zuletzt hatte er keine Vorbereitung, bei den Einsätzen zeigte er, dass das Potenzial da ist. Es folgte ein Faserriss, unter dieser Gesamtsituation leidet Paulo. Ich bin mir sicher, er wird für uns noch ein wichtiger Akteur werden, wenn er weiter gesund bleibt.

Finden Sie es nicht markant, dass zuletzt ausgerechnet Youngster voran gingen?

Nein, überhaupt nicht. Unsere jüngeren Spieler werfen absoluten Willen und Laufbereitschaft in die Waagschale. Sie geben noch mehr, weil der Faktor Erfahrung nicht da ist. Ich habe mit Serkan und Baris unzählige Gespräche geführt, sie waren immer sehr ungeduldig, was absolut positiv ist. Ich freue mich, das ist für mich auch keine Überraschung, sie haben das Herz auf dem richtigen Fleck und das Feuer. Sie signalisieren, wir können was und das wollen wir auch zeigen. Von ihren Tugenden profitiert jeder andere, nicht nur das Team, sondern auch das Umfeld. Das ist auch eine normale Entwicklung der letzten 18 Monate, was immer noch sehr schnell ist.

Neue Spieler sollen kommen, Akteure müssen gehen.

Eins ist klar, eines geht nicht ohne das andere. Wir investieren nicht einfach in neue Akteure, um dann zu schauen, was wir mit 31 Spielern anfangen. Ich habe mich in den letzten Wochen zurück gehalten, damit sich unser neuer Trainer einen intensiven Eindruck vermitteln konnte. Es gab nicht viele Informationen, was in der Vergangenheit war, denn es ist auch immer eine Chance für Akteure, sich neu zu positionieren. Das führte dazu, sagen zu können, mit welcher Truppe man jetzt die brutal schwere Rückrunde starten möchte und mit wem es wenig Sinn macht. Parallel schauen wir uns auf dem Transfermarkt um, es sind viele Parameter zu beachten, das war wie bei der Wahl des Trainers. Neuverpflichtungen werden auch ins kalte Wasser geworfen, jeder muss bereit sein, sich voll mit der Sache zu identifizieren und sich sofort komplett einbringen. Das macht die Sache nicht einfach.

Freie Tage und Besinnlichkeit können Sie vergessen, richtig?

In den Weihnachtsurlaub kann ich nicht gehen, wir müssen zum Rückrundenstart unsere Truppe zusammen haben, die genau das weiter trägt, was wir in den letzten Wochen hatten: Unbändigen Willen und den Glaube, dass wir es schaffen können. Das wird der entscheidende Punkt sein. Wenn man sechs Zähler über dem Strich steht, ist man noch nicht abgestiegen, mit sechs Zählern darüber ist man auch nicht gerettet. Die Crux wird sein, diesen Glauben immer aufrecht zu erhalten.

Sie kennen das doch, schließlich feierten Sie einmal am 29. Mai 1999, nach einem 5:1 über Kaiserslautern...

Ich stand mit Eintracht Frankfurt am 29. Spieltag mit 24 Punkten da, aus den letzten fünf eigentlich unlösbaren Matches holten wir vier Siege und ein Remis, hielten aufgrund des Torverhältnisses die Klasse. Das klappte nur, weil der Glaube da war. Das wird die wichtigeste Arbeit.

Wie weit sind Sie mit Neuzugängen?

Bis zum 28. Dezember ist das eher unrealistisch, wenn ich nur an die Verpflichtung von van Lent denke, wieviel Telefonate ich führte. Logisch, wir versuchen es so schnell wie möglich. Ich bin nicht bereit, einen Transfer zu tätigen, nur damit einer gemacht wird. Es ist auch so, dass wir nicht sagen, wir sind gar nicht konkurrenzfähig.

Jovan Damjanovic, Stürmer des österreichischen Erstligisten SV Ried präsentierte sich.

Jovan war bei uns im Training, wir konnten uns einen guten Eindruck bilden, auch von seiner Person, aber wir haben noch andere Optionen, die wir abklopfen.

Kapitän Alex Löbe landete gegen den MSV komplett auf der Bank - problematisch?

Grundsätzlich sind wir mit seinem Verhalten sehr zufrieden, als er die Nachricht bekam. Es ist wichtig, dass jeder Spieler weiß, dass der Coach nicht Rücksicht nehmen kann auf individuelle Befindlichkeiten. Es wird so aufgestellt, dass das Team am besten bereit ist, drei Zähler einzufahren. Der Trainer macht das authentisch, die Jungs merken, er zieht nicht irgendwelche anderen Kriterien bei der Bewertung heran, sondern Sachen, die er im Spiel und Training sieht. Damit kann auch jeder Akteur etwas anfangen. Wenn ich die Bereitschaft hundertprozentig abrufe, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich spiele, wenn es auch taktisch passt.

Autor: og

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