RWE und MSV im großen Derby-Vergleich: Wer hat wo Vorteile?

og/tt
17. Dezember 2006, 11:23 Uhr

"David" Essen gegen "Goliath" MSV — eine Einschätzung, die aufgrund der tabellarischen Konstellation nicht von der Hand zu weisen ist.

"David" Essen gegen "Goliath" MSV — eine Einschätzung, die aufgrund der tabellarischen Konstellation nicht von der Hand zu weisen ist. Doch auf der anderen Seite gilt der Spruch mit den "eigenen Gesetzen", die nicht nur im Pokal, sondern gerade bei bissigen Lokal-Kämpfen zur Anwendung kommen. Vor zwei Jahren siegte Essen unter ähnlichen Voraussetzungen 1:0 gegen die Zebras, am Ende stieg Rot-Weiss ab, Duisburg auf. Und diesmal? RevierSport beleuchtete die einzelnen Mannschafts-Teile, Alternativen, Druck-Situation.

Torhüter:
Mittlerweile scheint Karim Zaza, die erklärte Nummer eins an der Hafenstraße, die Kritiker verstummen zu lassen. Allerdings ist das in Essen immer sehr mit Vorsicht zu genießen, oft wartet so mancher eher genüsslich auch länger, um dann loszubrettern. Fakt: Zaza, bei dem jeder die Luft anhält, wenn er außerhalb des Fünfmeterraums agiert, hat es selbst in der Hand. Georg Koch ist bei den Zebras nicht nur Kapitän und Publikumsliebling, sondern auch Wachrüttler. Alleine durch seine Präsenz sorgt der ehemalige Düsseldorfer dafür, dass die Konzentration hochgehalten wird. In der laufenden Serie allerdings nicht auf unbezwingbarem Niveau. Nach seiner schmerzhaften Schulterverletzung, die er sich bei einer Parade gegen 1860 München (0:0) einhandelte, stellt er sich zwar in den Dienst der Mannschaft, setzt sich aber auch Kritik-Feuer aus. In Burghausen (1:1) mit bösem Fehlgriff. Einschätzung: Unentschieden.

Abwehr:
Die agiert bei RWE überzeugend, verfügt über Akteure, denen auch nicht viel fremd sein darf. Allerdings sind Spieler wie Thomas Kläsener, Martin Hysky und auch Stefan Lorenz nicht unbedingt Optionen, die überragende Offensiv-Qualitäten mitbringen. Permanentes nach vorne drängen sieht man nur von links (Pascal Bieler). Bei den Zebras bilden Björn Schlicke und Julian Filipescu ein bärenstarkes Innenverteidiger-Duo, auf den Außenbahnen sind Christian Weber (rechts) und Alex Bugera (links) auch stets für Dampf-Aktionen nach vorne gut. Einschätzung: Vorteil Duisburg.

Mittelfeld:
Bei Essen durchaus überzeugend, Kicker wie Victor-Hugo Lorenzón, Baris Özbek, Mac Younga-Mouhani, Holger Wehlage, Ferhat Kiskanc, der mittlerweile - für ihn durchaus vorteilhafter - vorgerückte Michael Bemben und Paulo Sergio können Kombinationen anbieten, ein Michael Lorenz ist ein verlässlicher Abräumer auf der Sechs. Bei den Zebras muss heute ausgerechnet Herzstück und Standard-Spezi Youssef Mokhtari passen. Der einstige Kölner fehlte bisher in keiner einzigen Partie, biss oft auf die Zähne — jetzt muss er der Rückenverletzung Tribut zollen. Da auch Defensiv-Kraft Mihai Tararache wegen erneuter Sperre passen muss, ist Trainer Bommer zu Umstellungen gezwungen. Der junge Adam Bodzek gilt als zuverlässiger Kämpfer-Typ mit Pass-Qualitäten, bringt aber noch nicht den Erfahrungsschatz mit, den der Rumäne in die Waagschale werfen kann. Ivica Grlic soll in die Antreiber-Rolle schlüpfen, gerade in dem hitzigen Derby kein einfacher Job, aber eine Aufgabe, die der Nationalspieler Bosnien-Herzegowinas mit Leben füllen dürfte. Als Unruheherd bietet sich über rechts Tobias Willi an, der zuletzt griffiger wirkte als Marco Caligiuri. Einschätzung: Vorteil Essen.

Angriff:
Oldie Alex Löbe – wenn er aufläuft - muss bei Rot-Weiss versorgt werden, sonst hängt er durch, kämpft außerdem wie Don Quijote gegen irrationale Fan-Windmühlen, wenn man Pfiffe beim Aufwärmprogramm berücksichtigt. Youngster Serkan Calik hat mittlerweile richtig Dampf, Younga-Mouhani kann vorne rein geworfen werden. Die Statistik spricht in dem Punkt ganz klar für Duisburg, 30 geschossene Tore lassen das Pendel deutlich ausschlagen. Mo Idrissou (sechs Einschläge) ist auch als Vorbereiter und Defensiv-Rackerer wertvoll, Klemen Lavric (fünf Treffer) verfügt als slowenischer Nationalspieler über internationale Qualität, Markus Kurth gilt als schwer zu kontrollierender Strafraum-Wühler. Einschätzung: Vorteil Duisburg.

Reserve-Bank:
Essens Michael Lorenz kann dicht machen, genau wie Florian Thorwart, Daniel Masuch ist zweiter Keeper. Zuletzt entschied die Bank mit den Einwechslern Mouhani und Wehlage. Die Blau-Weißen konnten sich den Luxus erlauben, einen Lavric als "Joker" ins Getümmel zu werfen. Mit Willi kam gegen Paderborn ebenfalls Bundesliga-Erfahrung ins Match, ein Carsten Wolters gilt als "Mister Zuverlässig", allerdings erhielt der gute Ruf durch die Schubser-Aktion in Braunschweig (Elfmeter und später Gelb-Rot) ein paar Kratzer. Mit Markus Neumayr und Nils-Ole Book kann der Coach Talent-Optionen ziehen, mit Sven Beuckert steht ein routinierter Keeper bereit. Einschätzung: Vorteil Duisburg.

Trainer:
Lorenz-Günther Köstner ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Rudi Bommer betreut die Zebras seit Saisonbeginn. Für beide ist es das erste waschechte Revier-Derby. Köstner gilt aus Sicherheits-Fanatiker, setzt eher auf die sattelfeste Deckung und will die "Null" stehen sehen. Allerdings scheint sich Köstner in der Schublade wohl zu fühlen, lässt sich doch genau aus dieser Perspektive auch gut überraschen. Bommer gilt als Risiko-Freund, scheut sich selbst bei einem unentschiedenen Spielstand kurz vor Schluss nicht, Stürmer Nummer drei und vier ins Rennen zu schicken. Teilweise operiert der EM-Teilnehmer von 1984 von Beginn an mit drei Spitzen. Die "totale Offensive" brachte unter anderem das 3:3 in Karlsruhe, wo der MSV in Unterzahl zwei Tore in den Schlussminuten wettmachte. Ebenfalls beeindruckend: Das 5:3 in Fürth nach einer wilden zweiten Halbzeit. Einschätzung: Unentschieden.

Spieler-Routine:
Essen hat offensichtlich mit den ältesten Kader der 2. Liga, so dass nach dieser Spielzeit so einiges getan werden muss. Dass man trotz großer Routine nichts gegen einen absoluten Negativlauf machen kann, wurde klar. Dass ausgerechnet Youngster wie Baris Özbek und Serkan Calik in den letzten Spielen das Signal gaben, durchzuladen, ist markant genug. Spätestens jetzt wissen die Verantwortlichen, welcher Weg zu gehen ist. Auf Duisburger Seite findet sich eine offenbar gut gelungene Mischung, wobei ein Weber mit Anfang 20 durchaus herauszuheben ist: Der Mann hat schon 160 Spiele im Unterhaus vorzuweisen. Grlic kennt die Klasse aus Aachen, Köln und Duisburg, weiß genau, wann und wie am Schwungrad gedreht werden muss. Kurth ist Aufstiegs-Experte, für einige Akteure, wie Filipescu oder Tararache bedeutet Liga zwo allerdings auch absolutes Neuland. Einschätzung: Unentschieden.

Druck-Situation:
Für Essen gilt der Sprung auf einen Nicht-Abstiegsrang als super verlockend. Aber es gibt mehr beruhigende Aspekte. Trikotpartner STEAG signalisierte, auch in der kommenden Saison weiter zum Club zu stehen, egal welche Liga auch die Bühne ist. Ein Signal, Existenzängste im Umfeld sofort einzudämmen. Klar ist aber auch, sollte RWE erneut in Liga zwei scheitern, wird es krachen. Einen Trainerwechsel gab es bereits. Gespannt sein darf man, wer im Fall eines kompletten Negativlaufes - das Gegensteuern durch das Team war in den letzten 180 Minuten deutlich zu sehen - so seine Koffer packt. Fakt: Abstieg ist ein totales Tabu. Auf Duisburger Seite hat man kurz vor Weihnachten zwei Eisen im Feuer: Ein Sieg in Essen würde das Überwintern auf einem Aufstiegsplatz garantieren, dazu steht Mittwoch der Pokal-Knaller in Hannover auf dem Programm. Selbst bei negativem Derby-Verlauf liegen die Zebras im Soll, wären nur hauchdünn hinter dem begehrten Rang. Zu bedenken gibt allenfalls, dass gegen "untere" Teams, wie Freiburg (1:1), Burghausen (1:1), Offenbach (0:0) und Braunschweig (1:1) eine Menge Punkte-Material liegen blieb. Einschätzung: Vorteil Duisburg.

Autor: og/tt

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