27. März, 2004. 15.45 Uhr. Die Essener Hafenstraße bebt. St. Pauli ist da und braucht im Kampf um den Klassenerhalt in der Regionalliga Nord jeden Punkt.

Sowislo will nach oben

Ali Bilgin zerstört den Traum

Tim Abendroth
12. November 2010, 10:17 Uhr

27. März, 2004. 15.45 Uhr. Die Essener Hafenstraße bebt. St. Pauli ist da und braucht im Kampf um den Klassenerhalt in der Regionalliga Nord jeden Punkt.

Rot-Weiss Essen steht am 24. Spieltag an der Tabellenspitze und peilt den Aufstieg in die 2. Bundesliga an. Dementsprechend verbissen ist die Partie.

Alles deutet auf eine „Nullnummer“ hin. Doch dann passiert es: Die Nachspielzeit läuft. Ali Bilgin schnappt sich das Leder – 1:0 für die Roten. Auch Holger Stanislawski konnte dies nicht mehr verhindern. Die Hütte brennt.

Als Sowislo den Torschrei hört, weiß er sofort Bescheid.

Keiner hat noch mit einem Tor gerechnet. Auch Marius Sowislo nicht. Bereits zwei Minuten vor dem Ende will der heutige Klever Torgarant den 13.000 Zuschauern zuvor kommen und verlässt das Georg-Melches-Stadion schon eher. Als Bilgin trifft, hört Sowislo nur noch den Torschrei vom Parkplatz aus. In diesem Moment wusste er, dass der Traum geplatzt sein würde.

Grund: Nach einer Woche Probetraining beim FC St. Pauli stand der Wechsel zu den Hamburgern kurz bevor. Trainer Franz Gerber wollte ihn. Das einzige was fehlte, war der Punktgewinn im Pott. Noch während Essen jubelte, setzten die Nordlichter Gerber vor die Tür. Und damit auch Sowislo.

Über sechs Jahre später mischen die Hamburger zwar wieder die Bundesliga auf, doch Sowislo hat es nicht mehr geschafft. Er kämpft beim 1. FC Kleve gegen den Abstieg. „Dabei hätte damals nur eine Minute gefehlt und ich wäre heute wohlmöglich woanders“, hadert der Offensiv-Allrounder mit dem Schicksal. „Mir hat am Ende aber leider das letzte Quäntchen Glück gefehlt.“

Beim 1. FC Kleve hat der 27-Jährige in diesen Tagen hingegen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Der Fünftligist steht im Abstiegskampf und wird mit finanziellen Problemen und der drohenden Insolvenz konfrontiert. Den gebürtigen Oberschlesier lassen diese Sorgen aber zumindest äußerlich kalt: „Wir kriegen weiterhin unsere Gehälter“, muss die sportliche Lebensversicherung der Blau-Roten auf keinen Cent warten. „Bis zum Ende der Saison ist alles geregelt. Doch was danach passiert, wird man sehen“, zuckt Sowislo, der Torjäger und Vorbereiter in einer Person ist, ratlos mit den Schultern.

Der Goalgetter ist sauer: „Ich bin kein Stürmer!“

Sauer reagiert er lediglich bei einem Thema. „Ich bin kein Stürmer“, schüttelt Sowislo vehement den Kopf. „Viele wissen gar nicht, dass ich im Mittelfeld hinter den Spitzen agiere.“ Gerade durch den Status des Regisseurs wird vor allem seine Torquote mit ganz anderen Augen gesehen. In der letzten Saison traf er satte 13 Mal für den Traditionsklub Preußen Münster.

Sowislo, mit sieben Treffern derzeit bester Schütze seiner Mannschaft, ist außerdem stolz, dass „junge Spieler auf mich zukommen und mich als Führungspersönlichkeit ansehen,“ erklärt der ausgebildete Bürokaufmann, der bereits seine Karriere nach dem Fußball plant. In der Sportschule Kaiserau absolviert er derzeit seine C-Lizenz. „Aber noch gehöre ich nicht auf die Bank“, zwinkert Sowislo mit dem Auge. „Ich fühle mich gut und traue mir durchaus zu, noch mal höher zu spielen.“

Viellicht klappt das Vorhaben mit dem Sprung nach oben dieses Mal. Angst vor Bilgin muss er schließlich nicht mehr haben, denn der spielt weit weg in der Süper Lig für Kayserispor.

Autor: Tim Abendroth

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