RWO-Bilanz: Pleiten, Abstiegskampf, Trainer-Wechsel, Wettaffäre

cb
03. Januar 2005, 10:45 Uhr

So ändert sich die Geschichte immer wieder. Vor zwölf Monaten sprudelten die Lobeshymnen auf den nicht wiederzuerkennenden RWO-Kader, der sensationell bis zur Wintermeisterschaft stürmte. Ein Jahr später das entgegengesetzte Bild, die Elf vom neuen Coach Eugen Hach kämpft um das Überleben in der zweiten Bundesliga.

So ändert sich die Geschichte immer wieder. Vor zwölf Monaten sprudelten die Lobeshymnen auf den nicht wiederzuerkennenden RWO-Kader, der sensationell bis zur Wintermeisterschaft stürmte. Ein Jahr später das entgegengesetzte Bild, die Elf vom neuen Coach Eugen Hach kämpft um das Überleben in der zweiten Bundesliga.
Und das alles rund um den 100. Geburtstag der „Kleeblätter“, der am 18. Dezember 2004 gefeiert wurde. Dabei war allen Beteiligten erst später am Abend nach Party zumute, nachdem die ersten Biere getrunken wurden. Verständlich, zu holprig wurde die Hinserie bestritten. Noch bei der Vorstellung der neuen Mannschaft im Sommer zeigten sich alle Verantwortlichen im Verein mehr als zuversichtlich, „man müsse versuchen, in Bezug auf die Vorsaison einen Platz zu klettern.“ Unausgesprochen hieß das Ziel damit Aufstieg, wobei betont wurde, man gehe mit dem spielerisch stärksten Kader in die Saison. Hierfür wurden mit Chiquinho (Ahlen), Thomas Cichon (Köln), Stijn Haeldermans (Lüttich), Ralf Keidel (Duisburg) scheinbar Hochkaräter verpflichtet, die die Abgänge der Stammspieler Dejan Raickovic, Frank Scharpenberg oder Sasa Radulovic ausgleichen und sogar noch verstärken sollten.
Leider kam alles anders. Ein Cichon brauchte nach langer Verletzungspause Zeit und die Umstellung auf das Libero-System, um seine Stärken in den letzten Partien zu zeigen. Ein Stijn Haeldermans, sicherlich technisch der beschlagenste Kicker der Elf, wurde unter Ex-Coach Jörn Andersen zu spät berücksichtigt, wobei ihm bei seinen letzten Einsätzen noch die Konstanz fehlte. Ein Chiquinho, bei seiner Rückkehr aus Ahlen mächtig gefeiert, kann nach 17 Partien noch kein richtig gutes Spiel herzeigen. Lediglich Keidel konnte die Erwartungen erfüllen. Und so kam, was kommen musste. RWO wurde nicht mehr unterschätzt, die ersten Spiele wurden, auch durch Pech mit dem Aluminium, nicht gewonnen, die erhoffte Euphorie blieb aus. Andersen schaffte es nicht, entsprechend durchzugreifen, durch den ausbleibenden Erfolg bot er eine Angriffsfläche, die viele seiner Kicker schonungslos ausnutzen. Immer wieder wurde betont, der Norweger wechselt falsch, agiert mit der falschen Taktik, sei zu lieb. Was komplett unterging, war die Elf auf dem Rasen, die einfach zu dreist die Kritik am Coach ausnutzte. In dieser Phase fiel, wie schon zum Ende der letzten Saison, auf, in der Kader-Zusammenstellung wurden einige faule Eier verpflichtet, die nie begriffen haben, wie man in der zweiten Liga aufzutreten hat, wo der Kampf im Vordergrund steht.
Daher die logische Folge: Andersen musste nach der Pleite in Saarbrücken gehen, mit der Verpflichtung von Coach Eugen Hach wurde den Spielern jedes Alibi für die kommenden Wochen genommen, zugleich mit dem ehemaligen Fürther ein wesentlich härterer Hund vor die Nase gesetzt. Wobei Hach gleich nach zehn Tagen zu spüren bekam, was seine Mannschaft anrichtet, wenn sie nicht an der kurzen Leine gefasst wird. Nach dem 2:6 in Frankfurt gab es in München die nächste bittere Pleite, 1:5 hieß es am Ende. Hach packte den Knüppel aus, ließ noch morgens nach der Rückkehr zwei Stunden trainieren. Auch in den folgenden Wochen wurde gearbeitet, wie es die meisten nicht kannten, der Lohn, drei Siege in Folge, ein zuletzt lange nicht gekanntes Glücksgefühl. Tragischerweise kam mit den Punkten und dem damit hergestellten Anschluss an das untere Mittelfeld auch das Lob zurück zur Mannschaft, die sofort wieder schaltete und in Aue ohne Engagement mit 0:2 verlor.
Die Pleite im Erzgebirge bedeutete aber nicht nur einen Abstiegsplatz über den Winter, es folgte die angebliche Wettaffäre, die den Verein und den Fußball auch in diesem Jahr noch beschäftigen wird. Kurz vor dem Beginn der Partie in Aue wurde das Spiel bei zahlreichen Wettanbietern aus dem Programm genommen, da extrem hohe Summen auf einen Sieg der Gastgeber gewettet wurden, auch so genannte Handicap-Wetten, wo Aue mit einem Tor Rückstand ins Rennen ging. Trotz Beteuerungen aller Spieler, es gab keine Manipulation, auch ausgedrückt durch unterschriebene eidesstattliche Versicherungen, wurde eine Lawine losgetreten. RWO schaltete die Staatsanwaltschaft Duisburg ein, damit lückenlos aufgeklärt wird, ob an dem Match irgendetwas faul war. Zudem gibt die DFL ein Gutachten in Auftrag, um zu klären, wie Manipulationen möglich sind. Neues Öl wurde ins Feuer gegossen, nachdem sich ein ehemaliger Oberhausener Spieler anonym an die Presse wand, um zu sagen, er sei in der letzten Spielzeit gefragt worden, ob er mit der Partie der „Kleeblätter“ in Reutlingen viel Geld verdienen wolle. Der Kicker lehnte ab, die Begegnung endete schiedlich, friedlich 1:1. Blick in die Rückrunde: Die Wettaffäre wird mit Sicherheit noch länger in den Köpfen stecken und zwar bis es ein Ergebnis gibt, auch die privaten Wettanbieter, die mit dem Spiel in Aue hohe Verluste einfuhren, werden nicht locker lassen, bis Klarheit herrscht, was und ob etwas an diesem Tag schief gelaufen ist. Sportlich geht es für die Oberhausener nur ums Überleben, was Hoffnung macht, ist die Aussicht, noch neun Mal zuhause antreten zu dürfen. Gerade im Niederrheinstadion wurde zuletzt die alte Heimstärke wieder entdeckt. Ob mit neuem Personal steht noch in den Sternen, klar ist, ein kopfballstarker Stürmer würde dem Club mehr als gut zu Gesicht stehen. Es darf nicht unversucht bleiben, um den Verein kurz nach der Geburtstags-Gala weiterhin im Profigeschäft zu erleben.

Aufsteiger

Eine Rubrik, die in diesem Jahr bei den „Kleeblättern“ relativ dünn ausfällt. Es gibt eigentlich keinen Kicker, der sich im Vergleich zum letzten Jahr steigern konnte. Daher muss man die Neuzugänge unter die Lupe nehmen. Einer, der sicherlich von einer persönlich glänzenden Serie sprechen darf, ist Geoffrey Roman. Der namibische Nationalspieler kam vor der Spielzeit vom MSV Duisburg, weil die Perspektive bei den „Zebras“ nicht vorhanden war. In der Oberhausener Verbandsliga-Elf traf der Angreifer dann bereits früh zweistellig und durch die Misere im Profisturm wurde Roman befördert. In den vier Einsätzen gelang dem Schlaks ein Treffer, zudem gab es die Erkenntnis, Roman hat Potenzial, um auch in der Rückrunde auf einige Einsätze zu kommen, speziell, wenn es nicht gelingt, einen weiteren Angreifer zu verpflichten.
Auch Stijn Haeldermans kann in die Kategorie Aufsteiger aufgenommen werden. Der Belgier arbeitete sich im Verlauf der Hinrunde in die erste Elf, allerdings muss noch mehr Konstanz in die Leistungen des ehemaligen Lüttichers. Was Hoffnung macht: Haeldermans hat gezeigt, er hat das fußballerische Auge, er kann mit dem Leder umgehen, somit der Mannschaft wichtige spielerische Impulse geben.
Zuletzt wäre da noch Mike Rietpietsch, der zum ersten Mal im Dress von RWO fünf Treffer nach der Hinserie auf dem Konto hat, wobei für ihn das Gleiche wie für Haeldermans gilt, es fehlt noch an der nötigen Konstanz. Dafür hatte er im Gegensatz zu weiten Teilen der Elf geniale Momente, wie in der Partie beim 1.FC Köln, als er bewies, dass er einem Match den Stempel aufdrücken kann.

Absteiger

Eigentlich die gesamte Mannschaft, die vor zwölf Monaten noch als Aufsteiger zurecht gefeiert wurde. Den größten Abstieg machte wohl Leandro Simioni mit, der bisher nur Mitläufer-Qualitäten zeigen konnte. Der Angreifer traf noch gar nicht, in den wenigen Auftritten konnte er nichtmals andeuten, der Mannschaft zu helfen.
Auch von einem Chiquinho muss man mehr erwarten, es muss einen Grund geben, dass der Samba-Mann auf viele Zweitliga-Jahre zurückblicken kann. In Oberhausen gab es in dieser Saison noch kein richtig gutes Match vom ehemaligen Ahlener. Was bleibt, ist die Hoffnung auf die Rückrunde. Die gab es dafür von David Montero, allerdings mit sehr viel Anlaufzeit, auch der von den Fans zum Spieler des letzten Jahres gewählte Arbeiter konnte nach dem Verlust von seinem Mittelfeld-Pendant Frank Scharpenberg erst spät an seine alte Form anknüpfen.
Auch von einem Bojko Velichkov darf man eine Menge mehr erwarten, seit über einem Jahr läuft die gleiche Platte, auf der erzählt wird, was der Offensiv-Kicker alles kann, wenn er in zentraler Rolle aufgeboten wird. Unumstritten, nur gehört eben mehr dazu, als nur mit dem Ball umgehen zu können. Velichkov ist, mit Ausnahme der Partie in Ahlen, noch nicht richtig in der zweiten Liga angekommen, wo er zuerst um den Kampf geht, dann kommt die Kunst. Auch den letztjährigen Shootingstar Alassane Ouedraogo muss man hier nennen, wobei es zuletzt wieder etwas aufwärts ging mit dem Mann aus Burkina Faso. Vor zwölf Monaten stand der ehemalige Kölner auf dem Zettel vieler Bundesligisten, was folgte, war ein Jahr ohne Treffer und nur mit einem Assist in Ahlen. Für einen offensiven Mittelfeldspieler definitiv zu wenig. Es gäbe noch zahlreiche andere Akteure, die auf dem absteigenden Ast sind. Nur sind einige kaum zu bewerten, da sie durch Verletzungen immer wieder pausieren mussten, erst in der Rückrunde voll angreifen können. Leider muss man auch Anthony Tiéku und André Izepon Astorga nennen, die aufgrund der immer noch eventuellen Wettaffäre in der Öffentlichkeit auftauchten. Sie waren den Spekulationen schonungslos ausgesetzt, egal, wie die Geschichte endet, in den Köpfen der meisten Leute bleibt immer was hängen.

Problem

Der neue Coach Eugen Hach betreut eine Elf, die von alleine nicht funktioniert. Der Trainer mag es, Eigenverantwortung zu übertragen, doch er sollte es im Sinne des Vereins besser lassen. Auch Keeper Oliver Adler erkannte, dass die Führungsspieler es auf dem Feld nicht hinbekommen haben, der Elf zu zeigen, wo es lang geht. Es bleibt nur die harte Hand des Trainers, um die Truppe auf Kurs zu bringen. Die allgemeine Feststellung, die Mannschaft verträgt kein Lob, trifft vollkommen zu.
Nach drei Siegen dachten einige, vieles geht wieder von alleine. Pustekuchen, die Quittung gab es in Aue am letzten Spieltag, als sich die Elf wieder so harmlos präsentierte wie zu Beginn der Saison, wo man es ausnutzte, mit Jörn Andersen einen Trainer zu haben, der für diese Truppe wohl zu lieb war.
Neben des Charakters der Elf muss auch die Verletzten-Misere genannt werden. Es soll und darf keine Entschuldigung für viele Darbietungen der Oberhausener sein, aber sie muss erwähnt werden. 26 verschiedene Blessuren nach 17 Spielen, sicherlich nicht alltäglich. Besonders Thomas Cichon (zwei Zehbrüche, Leistenprobleme, doppelter Muskelfaser-Riss), Salif Keita (Muskelfaser- und Muskelbündelriss), Adrian Aliaj (Stressödem Wirbelsäule), Hugo Costa (schwere Knieverletzung) und Peter Bajzat (Arthrose im Zehgelenk und Ermüdungsbruch) waren dick in der Lazarett-Verlosung, standen dem Team quasi nie gesund zur Verfügung. Nahezu jeder Kicker musste in der Hinrunde eine Pause einlegen, es war fast unmöglich, zweimal eine identische Formation aufbieten zu lassen. Und bei finanziell bescheidenden Möglichkeiten wird jeder einsehen, wie schwierig es ist, derart viele Probleme zu kompensieren. Aber wie gesagt, es soll keine Entschuldigung für oftmals lustlose Auftritte der verbliebenen Mannschaft sein.

Zukunft

Spannend und fraglich. Drei Fragen brennen unter den Nägeln. Zuerst, wie geht die so genannte Wettaffäre aus, was bleibt hängen, wie gehen besonders die in der Öffentlichkeit immer wieder genannten Personen mit der Geschichte um.
Desweiteren wird ganz entscheidend sein, wie Hach mit seiner Truppe umgeht. Er muss den Finger drauf halten, damit es nach einem Sieg keine Phantastereien gibt, darf aber die Zügel auch nicht zu straff ziehen. Die Kunst wird sein, ein gesundes Mittelmaß zu finden, mit dem auch die Problemkinder umgehen können. Transfertechnische Sprünge dürfen kaum noch erwartet werden, immerhin legte der Verein während der Saison mit Peter Bajzat, Marius Baciu und Gerd Wimmer bereits dreimal nach. Wenn was geht, wird mit Sicherheit zuerst der Sturm bedacht, wobei der oft genannte Marius Ebbers (Köln) nicht zu realisieren ist.
Zuletzt darf es nicht schon wieder solch eine Verletzungs-Misere geben, besonders Leistungsträger müssen gesund bleiben. Und wenn man das neue, alte Liberosystem betrachtet, muss speziell die Achse Oliver Adler, Thomas Cichon, David Montero, Mike Rietpietsch mit einem doppelten Paar Schienbeinschoner auflaufen.
Was Mut macht, ist die Tatsache, noch neun Heimspiele vor der Brust zu haben, besonders wenn man die letzten Wochen als Maßstab nimmt, wo die alte Stärke im Niederrhein-Stadion wieder gefunden wurde, wird dann noch der eine oder andere Zähler in der Fremde eingefahren, ist der Klassenerhalt bei aktuell nur einem Punkt Rückstand auf die sicheren Ränge sicherlich keine Utopie, da der Kader in voller Stärke mit ganzem Engagement sicherlich nicht zu den vier schlechtesten Mannschaften gehört.

Autor: cb

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