RWE: "Ostalgie" erst verboten, dann Salto rückwärts

og
16. September 2004, 16:47 Uhr

Erst Bock geschossen, dann Salto rückwärts. Beim Heimspiel gegen Cottbus sollte Fans der Zutritt zum Stadion verweigert werden, die T-Shirts oder Schals mit DDR-Symbolen tragen. Darüber informierte der Essener Sicherheitsbeauftragte Dieter Uhlenbroich den FC Energie durch ein sogenanntes Sicherheitsprotokoll, nach ziemlicher Aufregung wurde die Maßnahme zurück genommen.

Erst Bock geschossen, dann Salto rückwärts. Beim Heimspiel gegen Cottbus sollte Fans der Zutritt zum Stadion verweigert werden, die T-Shirts oder Schals mit DDR-Symbolen tragen. Darüber informierte der Essener Sicherheitsbeauftragte Dieter Uhlenbroich den FC Energie durch ein sogenanntes Sicherheitsprotokoll, nach ziemlicher Aufregung wurde die Maßnahme zurück genommen. Zur Begründung heißt es vorab in dem - eigentlich internen - Schreiben: "Es werden vermehrt DDR-Symbole gezeigt, um die Fans aus dem Westen zu provozieren." Zudem spiele die "teilweise provokant von den ostdeutschen Fans vorgetragene DDR-Nostalgie" eine nicht unerhebliche Rolle beim "gegenwärtigen Ost-West-Konflikt, was die Verteilung staatlicher Ressourcen angehe". Das Papier landete durch Energie-Pressesprecher Ronny Gersch auf der Club-Homepage, "was so nicht in Ordnung ist", wie Klaus Stabach, Geschäftsführer und Manager, sichtlich angefressen, zugibt, der, genau wie RWE-Präsident Rolf Hempelmann, von "Irritationen" spricht. Allerdings auch ausführt, nicht "alles begriffen zu haben, was Herr Uhlenbroich schreibt. Einiges hat mich sehr überrascht." Dass der eigenständig arbeitende Uhlenbroich "eine vernünftige Sache anstrebte" (Hempelmann), dürfte klar sein, allerdings war der Versuch durch wenig diplomatische Gene geprägt. Stabach weiter: "Den Konflikt, von dem er spricht, sehe ich nicht. Ich hoffe doch sehr, wir haben das gleiche Gedankengut." Logisch, dass im Cottbuser Umfeld klar gesagt wird, dass die angestrebte Trennung von Sport und Politik ziemlich nach hinten los ging, jetzt versorgen sich die Anhänger erst recht mit Material. Gersch spricht von einer "riesigen Welle. Dabei haben wir gar nicht so viel Ostalgie im Club." Was besonders sauer aufstieß, dass Gleichsetzungen von DDR- und rechtsradikaler Symbolik - etwas übersensibilisiert - herausgelesen wurde. Deeskalation war die Hauptsorge. Die Rücknahme war der erste Schritt, um vor allen Dingen offensichtlich im Fan-Lager anvisierte Lieder wie "Der kleine Trompeter" (1925, Rotfront-Kämpferbund; später von den Nazis mit anderem Text versorgt) und "Die Moorsoldaten" (entstanden als Pogrom-Protest im Konzentrationslager Börgermoor) zu verhindern.
RWE-Boss Hempelmann, vom Sachverhalt während politischer Gespräche "überfallen", schaltete sich ein, suchte den Kontakt zu Energie-Pendant Dieter Krein. Der Konflikt wurde "in gutem Einvernehmen ausgeräumt." Hempelmann betont: "Dass die vielen Gemeinsamkeiten der großen Energie-Städte eher Anlass für das Entstehen von Fan-Freundschaften sind und nicht ein Grund für Auseinandersetzungen. Die Kuh ist vom Eis."
Sportlich hat die Posse für Coach Jürgen Gelsdorf keine Auswirkungen, "ich weiß zum Beispiel überhaupt nicht, wer von meinen Jungs aus dem Osten kommt, ist mir auch egal." Zum Beispiel Ronny Ernst oder auch Silvio Pätz. Nur ein Gerücht ist, dass Ernst zum Beispiel seine alte Bettwäsche mit dem Emblem der Kolchose "Schwarze Pumpe" schon aus Protest wieder aus dem Kleiderschrank kramte. Hempelmanns Fazit: "Schön wäre es, wenn die Fans den gesamten Sachverhalt vielleicht mit viel Humor tragen könnten."

Autor: og

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