Es sollte das erste gemeinsame Public Viewing mit dem sechs Jahre alten Sohnemann werden. Gemeinsam wollten wir den Einzug der DFB-Elf ins Halbfinale bejubeln.

Public Viewing

Regentanz am Rathaus Recklinghausen

06. Juli 2010, 12:07 Uhr

Es sollte das erste gemeinsame Public Viewing mit dem sechs Jahre alten Sohnemann werden. Gemeinsam wollten wir den Einzug der DFB-Elf ins Halbfinale bejubeln.

Früh übt sich schließlich, was ein echter Fan werden will. Bereits beim Einzug ins Achtelfinale gegen Ghana durfte ich die einzigartige Atmosphäre in der aREna im Schatten des Recklinghäuser Rathauses genießen. Nun erleichterte die kindgerechte Anstoßzeit um 16.00 Uhr die Verhandlungen mit meiner Frau erheblich.

Bis zum Wetterbericht. Von schwülwarmer Luft bei 37 Grad und hoher Gefahr von Gewittern war dort die Rede. Mein ‚Ja, aber es wird schon nichts passieren`, verhallte ergebnislos.
Aber eigentlich brauchte ich auch nur aus der Tür zu gehen, um zu fühlen, welche Suppe sich da über dem Vest zusammenbraute. Nach langem Ringen siegte die väterliche Vernunft. Der Sprössling wurde unter schärfstem Protest gemeinsam mit der Gattin mit kühlen Getränken und Nüssen zu Hause vor dem Fernseher platziert. Ich zog schweren Herzens alleine los nach Recklinghausen. Offenbar war ich nicht der Einzige, dem die Unwetterwarnungen einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht hatten.

Immerhin wagten 5.000 Fans, dort wo sonst 8.000 Anhänger der Elf von Jogi Löw zujubeln, den Wettlauf mit der Zeit. Bis zum 1:0 von Thomas Müller war noch alles in Ordnung. Doch bereits wenige Minuten nach dem Führungstreffer kündigten Blitze und Donner an, sich besser rasch von dem Gelände zu verziehen. Sintflutartiger Regen gepaart mit Orkanböen sorgten kurz darauf für einen Bild- und Tonausfall in der Recklinghäuser aREna. Die Gullydeckel konnten die Niederschläge nicht im entferntesten mehr auffangen. Zentimeterhoch stand der gesamte Platz unter Wasser.

Ich fühlte mich unweigerlich an die Wasserschlacht Deutschland gegen Polen von 1974 in Frankfurt erinnert. Damals war ich so alt wie mein Sohn jetzt. Und saß auch vor dem Fernseher.
Aber damals gab es ja auch noch kein Public Viewing. Inzwischen war auch das Handynetz zeitweise zusammengebrochen. Vom Abseitstor der Argentinier erfuhren wir in Recklinghausen erst Minuten später, als das Bild für einige Sekunden wieder einsetzte.

Die Stimmung unter den wenigen hundert verbliebenen Fans war dennoch grandios. Sie trotzen mit einer Art Regentanz den Umständen. Als auch noch rosinengroße Hagelkörner auf den Rathausvorplatz niederprasselten, lautete die einzig richtige Entscheidung das Rudelgucken nach 45 Minuten abzubrechen.
Und so erlebte in der zweiten Halbzeit das gute alte Autoradio seine Rennaisance. Die Menschen verkrümelten sich in die umliegenden Kneipen. Es gibt gute und schlechte Tage, dachte ich mir. Und dieser war definitiv ein guter.

Nicht nur, dass Deutschland ins Halbfinale eingezogen ist. Auch mein Sohn kam dank des Unwetters rechtzeitig zum versprochenen Autokorso in der Bochumer Innenstadt.
Auf der Fahrt nach Bochum hat er mir dann erzählt, wie die Tore gefallen sind und dass Arne Friedrich zum ersten Mal überhaupt einen Treffer für die Nationalmannschaft erzielt hat. Hoppla, habe ich gedacht. Wer ist denn hier der Reporter?

Jetzt noch den Mittwoch überstehen, und am Sonntag ist Endspiel. Da sind dann auch die Anstoßzeiten egal. Versprochen! Ich muss nur noch mit meiner Frau darüber reden.

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