Schalke: Erst ausgepfiffen, dann beklatscht

24. September 2006, 09:55 Uhr

Die Tabelle wies Schalke 04 als
Spitzenreiter aus. Das Papier, das nach dem Schlusspfiff im
Presseraum verteilt wurde, passte bestens ins Bild.

Nach dem mühsamen 2:0 (0:0) gegen den VfL Wolfsburg bemühten sich alle nach
Kräften, die königsblaue Realität schöner darzustellen als sie war.
Gerald Asamoah, dessen Kabinengeflüster den jüngsten Krach
beim Titelanwärter ausgelöst hatte, schwärmte vom Teamgeist;
Trainer Mirko Slomka, durch die Affäre sicherlich nicht gestärkt,
lobte trotz unübersehbarer Unzulänglichkeiten seine Spieler über
den grünen Klee; und selbst die Fans, die sich zur Pause die Seele
aus dem Leib gepfiffen hatten, hatten ihre Stars am Ende wieder
lieb.

`Wir haben gezeigt, dass wir eine Mannschaft sind´, behauptete
Asamoah nach der über weite Strecken schwachen Leistung seiner
Kollegen, die er bis 13 Minuten vor Schluss von der Ersatzbank aus
ansehen musste: `Das alles kann uns nur stärker machen.´ Slomka
bescheinigte seinen Profis gegen die harmlosen Wolfsburger sogar
`ein gutes Spiel´. Es sei ein schöner Tag gewesen `nach dem ganzen
Theater´, meinte der Trainer und lobte: `Die Mannschaft ist so
aufgetreten, wie sie aufzutreten hat.´

Ein Großteil der 60.404 Zuschauer in der nicht ausverkauften
Veltins-Arena teilte diese Einschätzung zumindest in der ganz
schwachen ersten Halbzeit nicht. `Wir wollen euch kämpfen sehen´,
skandierten sie, besangen angesichts der wenig berauschenden
Darbietung des Stürmertrios Halil Altintop, Kevin Kuranyi und Peter
Lövenkrands ihren im Sommer verabschiedeten Liebling Ebbe Sand und
begleiteten die Spieler mit lauten Pfiffen in die Pause.
`Dieses von außen herangetragene Misserfolgserlebnis´, wie
Slomka die Unmutsäußerungen nannte, habe sein Team aber nicht um
seine Geduld und Gelassenheit gebracht, meinte der Trainer. `Wir
spielen unseren Stiefel weiter´, sei die Devise gewesen, die in der
zweiten Hälfte auch belohnt worden sei. Kuranyi nach einem Freistoß
des jetzt stärkeren Lincoln (57.) und der Brasilianer selbst nach
Vorarbeit des von den Fans lautstark gefeierten Asamoah (89.)
verhinderten zumindest, dass die Unruhe auf Schalke nach den
Turbulenzen der vergangenen Woche noch größer wurde.
So durfte sogar Spielführer Marcelo Bordon scherzen: `Das
macht doch Spaß. Ohne Probleme bräuchten wir doch keinen Kapitän,
keinen Vorstand und keinen Trainer.´ Und auch Slomka sah sich,
anders als viele Beobachter, gestärkt: `Ich fühle die Unterstützung
von jedem im Vorstand.´ Auch Aufsichtsratschef Clemens Tönnies habe
ihm vor dem Spiel noch einmal ausdrücklich den Rücken gestärkt.
Einzig Asamoah wagte es, an der von allen beschworenen heilen
Welt ein wenig zu kratzen. `Natürlich macht man sich jetzt
Gedanken, was man in der Kabine sagt. Man muss aufpassen´, sagte
der Nationalspieler, dessen kritische Worte von Halil Altintop
weitergetragen worden waren, nachdenklich. Doch schnell grinste er
wieder breit. `Ich wollte ihm eigentlich Küsschen geben´,
antwortete er auf die Frage, warum es bei seiner Einwechslung für
`Petze´ Altintop keine demonstrative Umarmung der beiden gegeben
habe.

Liebkosungen jeglicher Art blieben dem Ex-Schalker Mike Hanke
bei seiner Rückkehr an die alte Wirkungsstätte verwehrt. Der
WM-Teilnehmer, der 2005 für 3,5 Millionen Euro zu den `Wölfen´
gewechselt war, setzte seine persönliche Durststrecke fort und
wartet weiter seit dem 5. März auf ein Erfolgserlebnis. `Wir haben
kein Tor geschossen´, kommentierte der Stürmer lapidar die
Niederlage. Inzwischen hatte auch die Statistikabteilung der
Schalker noch einmal genau nachgerechnet: Bayern München war in der
frisch ausgedruckten Tabelle Erster - und die königsblaue Welt ein
Stückchen realistischer.

Autor:

Kommentieren