Zielstrebig nach Europa

Käpt'n Kehl gibt die Richtung vor

Matthias Dersch
16. März 2010, 11:07 Uhr

Es passte zur Dramaturgie des Spiels zwischen Borussia Dortmund und dem VfL Bochum, dass es ausgerechnet BVB-Kapitän Sebastian Kehl war, der mit seinem von Marcel Maltritz noch abgefälschten Schulter-“Schuss“ die 1:0-Führung für die Borussia erzielte und sein Team damit auf die Siegerstraße brachte. Denn seit der 30-Jährige nach seiner neunmonatigen Verletzungspause wieder auf dem Platz steht, läuft es rund bei den Schwarz-Gelben. Dem lockeren 3:0-Erfolg über Borussia Mönchengladbach folgte am Samstag ein ähnlich leicht herausgespielter 4:1-Auswärtssieg beim VfL Bochum.

Kehl zeigte dabei auch in seinem zweiten Saisoneinsatz über 90 Minuten eine ansprechende Leistung, die ihm so schnell wohl nur die wenigsten zugetraut hätten. Dass er auf der „Sechser“-Position zu den überragenden Spielern in Deutschland gehört, daran besteht schon lange kein Zweifel mehr. Doch in der Vergangenheit brauchte der frühere Freiburger stets Anlaufzeit, wenn er zuvor über Wochen oder Monate verletzungsbedingt ausgefallen war. Doch diesmal scheint das anders. Es ist fast so, als sei der unbestrittene BVB-Leader nie weg gewesen.

„Sebastian ist für mich der beste ‚Sechser“, den es in Deutschland gibt. Mit ihm fällt es leicht, zusammen zu spielen“, lobte Nuri Sahin, in der Hinrunde noch die zentrale Figur im Dortmunder Spiel, seinen Kapitän nach der Partie in Bochum, während BVB-Sportdirektor Michael Zorc anerkennend zu Protokoll gab: „Dass es bei Sebastian sofort so flüssig und so gut geht, war nicht zu erwarten.“

Mit Kehl hat sich die gesamte Statik des Dortmunder Spiels verschoben. Mittlerweile ist es nicht mehr der technisch versiertere Sahin, der in die Spitze vorstößt, sondern der energischere und körperbetonte Kehl. Und das färbt auf seine Kollegen ab. In puncto Körpersprache gibt es in Dortmund, mit Ausnahme von Keeper Roman Weidenfeller, wohl keinen weiteren BVB-Spieler, der einen so großen Siegeswillen versprüht wie Kehl - und der seine Mitspieler so gut „mitnimmt“. Auch in Bochum war das von Beginn an spürbar, und es half merklich dabei, den B1-Kontrahenten in Schach zu halten.

„Wir hatten eine starke Anfangsphase und konnten sofort viel Druck ausüben“, analysierte BVB-Coach Jürgen Klopp: „Wir haben dann auch die Tore geschossen und uns viele gute Spielsituationen herausgespielt. Die Rote Karte gab dann allerdings einen Cut.“

In der Tat schien es, als hätte sich der BVB nach dem berechtigten Platzverweis von Milos Maric und der beruhigenden 2:0-Führung - Mohamed Zidan hatte in der 27. Minute den zweiten Dortmunder Treffer erzielt - bereits als sicherer Sieger gefühlt. Denn anschließend waren es die davor erschreckend schwach auftretenden Bochumer, die den Taktstock schwangen.

„Bewusst nimmt man das nicht so war, aber es war schon so, dass wir etwas nachgelassen haben. Wir hätten sie eigentlich nie wieder so nah heranlassen dürfen“, redete Kehl nach der Partie Klartext: „Dafür wurden wir nach der Pause dann auch bestraft.“ Durch das Anschlusstor des quirligen Lewis Holtby schien die Partie für kurze Zeit tatsächlich noch einmal zu kippen, oder, wie es Klopp formulierte: „Danach glaubte das Stadion auf einmal wieder an eine Sensation.“

Dass diese nicht eintrat, lag auch an den Einwechslungen des Dortmunder Trainers, der die schwächelnden Starter Mohamed Zidan und Jakub Blaszczykowski durch Tamas Hajnal und Nelson Valdez ersetzte. Beide Joker waren entscheidend am 3:1 durch Lucas Barrios beteiligt (74.) und beendeten damit das Zittern der knapp 8.000 mitgereisten BVB-Fans.

Trotz des letztlich deutlichen 4:1-Erfolges durch den zweiten Treffer von Barrios (76.) klang nach der Partie daher nicht nur Zufriedenheit in Klopps Analyse durch. Denn was den Bochumern überhaupt wieder ins Spiel geholfen hatte, war nicht die eigene Stärke, sondern die (Nach-)Lässigkeit der Borussia. „Es fällt leichter zu kritisieren, wenn man gewonnen hat“, schmunzelte Klopp, bevor er am Hauptkritikpunkt des Nachmittages ansetzte: „Wir waren manchmal viel zu unkonzentriert, auch wenn auf dem Boden auch leichte Bälle schwierig zu spielen waren.“

Doch auch so reichte es zum zweiten Sieg in Serie, dank dem sich die Borussia wieder eine komfortable Ausgangslage für die letzten acht Saisonpartien verschaffen konnte. Mainz 05 liegt auf Rang sieben bereits sieben Punkte hinter dem BVB. Der Abstand auf die wiedererstarkten Wolfsburger beträgt acht Punkte, der zu Stuttgart und Frankfurt gar schon zehn Zähler.

„Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Im Moment haben wir noch nichts erreicht. Wir können aber gegen Leverkusen einen richtigen Big Point setzen“, lenkte Kehl daher bereits am Wochenende den Blick auf den kommenden Gegner, der am nächsten Samstag im Signal Iduna Park zu Gast sein wird. Mit einem Heimdreier gegen die Werkself könnten unter Umständen sogar noch höhere Ziele in Angriff genommen werden. Noch traut sich davon in Dortmund jedoch niemand zu sprechen.

Autor: Matthias Dersch

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