Fast 40 Minuten nahm sich Oberbürgermeister Reinhard Paß Zeit, um den Initiatoren der Aktion

Essens OB Paß

"Ich will auch ein Stadion"

Aaron Knopp
29. Januar 2010, 14:01 Uhr

Fast 40 Minuten nahm sich Oberbürgermeister Reinhard Paß Zeit, um den Initiatoren der Aktion "Neues Stadion - Jetzt!" Rede und Antwort zu stehen. RS war dabei.

Was als Aktion im RS-online-Forum „Rund um die Hafenstraße“ begann, endete nun bei Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß. Drei der Initiatoren der Unterschriftenaktion für ein neues Stadion präsentierten dem „OB“ mit mehr als 15.000 Unterschriften einen ersten Zwischenstand. Zudem stand Paß den Fragen der Initiatoren zur Verfügung. RS saß mit am Tisch. Ein Gesprächsprotokoll.

Herr Paß, ist Ihnen die Unterschriftenaktion bekannt?

Natürlich, ich habe von der Aktion gehört und halte es für ausgesprochen bemerkenswert, dass Bürger sich für etwas stark machen, indem sie auch andere motivieren, sich für eine Sache einzusetzen. Deshalb, erstmal ganz unabhängig vom Inhalt, ein herzliches Dankeschön für die Aktion und den Einsatz.

Wir denken, dass Essen ein funktionsfähiges Stadion braucht. Nicht nur für RWE, auch für die SG Schönebeck. Essen ist die einzige Großstadt des Ruhrgebiets, die so etwas nicht bieten kann.

Das ist auch immer meine Position gewesen, das gehört zur Infrastruktur einer großen Stadt wie Essen. Jetzt bin ich Oberbürgermeister und habe auch vorher meine Meinung als Fraktionsvorsitzender geäußert. Ich möchte daran erinnern, dass die SPD, auch mit mir als Fraktionsvorsitzendem die Meinung vertreten hat, dass es eine städtische Infrastruktureinrichtung ist und die Stadt dieses daher aus eigenen Mitteln voll finanzieren sollte. Dieses Vorhaben ist nicht umsetzbar, ich muss nicht an die Mehrheitsverhältnisse erinnern, die Sie auch kennen. Herausgekommen ist ein Finanzierungskonzept für das Stadion, das gültig ist. Insofern hat der Rat in Gänze seine Schularbeiten gemacht und deshalb gibt es auch nur diese offizielle Meinung: Die Stadt will ein Stadion und die Stadt hat auch ein Finanzierungskonzept aufgestellt.Dieses beinhaltet aber zwingend einen privaten Anteil der Mitfinanzierung. Das ist gültige Beschlusslage, nach wie vor.
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Aber?

Sponsoren, die das Stadion mitfinanzieren, verschenken nichts. Die kaufen sich ein Werbeäquivalent. Wenn man so will, kaufen die sich ein Event ein und das heißt Fußball in der vierten Liga. In dem Moment, wo die vierte Liga für den Verein nicht haltbar ist, dann ist für die Sponsoren der Gegenwert weg für das, was sie in Millionenhöhe geben wollen. Insofern muss es zwingend so sein, dass RWE die vierte Liga erhält.

Sportlich oder finanziell?

Da differenziere ich gar nicht. Aber das eine ist ja Zockerei und das andere sind die Fakten. Insofern bleibe ich lieber bei den Fakten, den Finanzen. Sie wissen, dass es einen großen Kraftakt der Stadt Essen bedeutet hat, diese laufende Saison zu finanzieren. Es gibt das Thema Bürgschaft, rückgedeckt durch eine städtische Gesellschaft. Mit dem Effekt, dass alles, was bei RWE ausgegeben wird, bei uns als Ausgabe landet. Deshalb war es bei mir in der Vergangenheit auch ganz wichtig, dass ich die Ermahnung rausgegeben habe: RWE, ihr müsst sparen! Ihr müsst zusehen, dass ihr euren Kostenapparat runterkriegt. Das ist aber nichts, das bei RWE ausgeprägtes Handeln der Vergangenheit war, um das mal vorsichtig auszudrücken. Zudem haben sie bei RWE, meiner Kenntnis nach, über das hinaus, was die Stadt gegeben hat, keine wesentlichen Sponsorenmittel eingeworben.

Es hängt alles an der Lizenz.

Das Kernthema ist: Wie schafft es der Verein, die Liga zu sichern? Man hat Geld der Zukunft genommen und verbrannt, man hat die Einnahmesituation überhaupt nicht abgebaut, ich sehe da nichts. Daher gebe ich die Frage zurück: „Glauben Sie, dass es richtig ist, dass die Stadt Essen eine Million auf den Tisch legt, um den Spielbetrieb zu finanzieren?“

Eine Investition kann ja irgendwann auch wieder Gewinn bringen.

Kann. Die Frage ist: Ist es meine Aufgabe? Ich könnte sagen: Wir haben die Chance geboten, die nicht genutzt wurde. Wie weit geht denn die Verantwortung einer Stadt? Wir haben die Verantwortung über Jahre immer wieder bewiesen. Wir haben die Schularbeiten mehrfach gemacht. Deshalb habe ich gesagt: Jetzt ist der Verein mal dran. Aber ich sehe die Problematik immer größer werden. Auf der einen Seite sind die Möglichkeiten beim Verein eher schlechter geworden, da ist nichts passiert. Auf der anderen Seite ist die Sitaution der Stadt Essen ja auch nicht besser geworden.

Wie sieht das aus?

Wir sind seit einigen Tagen unter Haushaltsaufsicht des Regierungspräsidenten, der ganz kategorisch unterscheidet: Was ist freiwillige Aufgabe, was ist Pflichtaufgabe? Der sogar infrage stellt, ob der Kreditrahmen im Zweifelsfall für ein Stadion verwendet werden dürfte. Gleichzeitig muss ich dem Regierunsgpräsident alle freiwilligen Maßnahmen vorlegen. Das heißt: Ich entscheide das gar nicht mehr.

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/015/415-15932_preview.jpeg Mittlerweile ist das Georg-Melches-Stadion nicht viel mehr als eine Ruine (Foto: mmb).[/imgbox]
Angenommen der Verein bekommt die Lizenz.

Es läuft alles ganz normal weiter. Im Moment ist das Wetter ein bisschen schlecht. Ansonsten gibt es nichts, das gestoppt wurde. Das Finanzierungsgerüst steht und insofern gibt es keinen neuen Sachstand. Das, was wir für die Stadionfinanzierung beschlossen haben, gilt und arbeitet.
Sobald die Lizenz steht, können Sie also agieren.
Ja, ich erwarte aber auch ein Konzept, das über die nächste und übernächste Saison hinausreicht. Das muss ein belastbares Thema sein. Zudem weise ich auf zwei Risiken hin. Das eine ist, dass die vierte Liga nicht erreicht wird und wir Finanzierungsprobleme beim Stadion kriegen. Das zweite Risiko ist das, was der Regierunspräsident nachher noch meint, tun zu müssen.

Es geht ja auch darum, dass Essen nicht komplett von der sportlichen Landkarte verschwindet.

Wenn jemand vorschlagen würde, die Mittel für eine Viertligalizenz zur Verfügung zu stellen, dann müsste ich das von Rechts wegen beanstanden. Und wenn ich das nicht täte, käme der Regierungspräsident und würde mich anweisen, das zu beanstanden. Es geht nicht zwingend darum, was ich mir wünsche. Da bin ich sehr bei Ihnen. Es geht darum, was auch rechtlich machbar ist. Jetzt haben wir eben Probleme. Ich sage nicht, dass es hoffnungslos ist. Aber es gibt Bedingungen, an denen die Stadt nicht arbeiten kann, weil das Vereinsangelegenheit ist. Nämlich: Seht zu, dass ihr die Liga kriegt. Eins bitte ich aber, mir abzunehmen: Ich will auch ein Stadion. Sie können sich vorstellen, dass mir das Thema der sozialen Symmetrie sehr nahe liegt. Und das Stadion ist auf absehbare Zeit nahezu das einzig große Projekt in unserer Stadt, das wir - Stand heute - stemmen können. Nichts ist mir lieber, als wenn das wirklich funktioniert.

Autor: Aaron Knopp

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