MSV: Team forderte Veränderung

ag/tt
07. April 2006, 10:48 Uhr

Rund um Duisburg hatten es bereits die Spatzen von den Dächern gepfiffen. Am Dienstag war es nun amtlich, das Tischtuch zwischen Walter Hellmich und Jürgen Kohler endgültig zerschnitten.

Rund um Duisburg hatten es bereits die Spatzen von den Dächern gepfiffen. Am Dienstag war es nun amtlich, das Tischtuch zwischen Walter Hellmich und Jürgen Kohler endgültig zerschnitten. Der Bundesliga-Aufsteiger zog damit die Konsequenzen aus der sportlichen Misere der letzten Wochen. Zuletzt fünf Spiele ohne Sieg und nur zehn Punkte in den elf Spielen der Rückrunde, bedeuteten schließlich das Aus bei der ersten Station als Bundesliga-Trainer für den einstigen Weltmeister.

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Club-Boss Walter Hellmich nennt die Gründe für die Entlassung: ”In den vergangenen Wochen stimmte die Harmonie zwischen Mannschaft und Trainer sowie zwischen dem Coach und mir nicht mehr, es gab zu viele atmosphärische Störungen. Zudem haben wir in den vergangenen Spielen einfach nicht genügend Punkte eingefahren. Da muss man nur auf die Tabelle schauen. Wir mussten handeln, da war nichts mehr zu kitten, daher haben wir schnell entschieden und die Reißleine gezogen.”

Der deutlich zerknirschte Präsident hat es sich und dem MSV nicht leicht gemacht: ”So eine Trennung ist nie einfach. Das ist ein Prozess, der sich seit drei, vier Wochen in mir vollzogen hat. Da habe ich mir die Frage gestellt, ob wir mit ihm weiter machen sollten.” Der Wunsch nach Ablösung Kohlers ist auch aus dem Kreis der Profis an ihn herangetragen worden, ergänzt der 62-jährige: ”Die Mannschaft hat mir ganz klar gesagt, dass eine Veränderung kommen muss. Als dann noch führende und gestandene Spieler auf mich zukommen, sich beklagen und sagen, dass sie das nur für mich und den MSV Duisburg machen, und nicht für den Trainer, war mein Entschluss klar.”

Für den Aufsichtsratsvorsitzenden liegt die Ursache des Scheiterns auf der Hand: ”Jürgen Kohler ist einer der besten deutschen Fußballer des vergangenen Jahrhunderts, aber ihm als Trainer ist es nicht gelungen, aus der Truppe eine eingeschworene Gemeinschaft zu formen. Ihm fehlte das Menschliche, die Nähe, das Engagement und vor allem das Herzblut. Das muss man als Linienchef einfach beherrschen, das macht einen Coach aus. Und so kann man den Überlebenskampf in der Bundesliga nicht bestehen.”

Der Harley-Davidson-Fan fügt an: ”Wenn man kein klares Bekenntnis zum Verein hat, dann kann das nicht funktionieren. Ich muss als Trainer an meine Arbeit glauben. Wenn ich nicht davon überzeugt bin, was soll die Mannschaft dann davon halten? Wir sprechen damit von einer verheerenden Wirkung auf die Truppe und den ganzen Verein.” Ausflüchte und Not-Erklärungen lässt er nicht gelten: ”Er hatte vollkommen freie Hand, dazu hatte er einen kompletten Trainerstab um sich und konnte in der Winterpause vier neue Leute holen. In der Führung der Mannschaft hat er Fehler gemacht, nur dann darf man nicht die Schuld bei anderen suchen.”

Sicher ist auch, dass Hellmichs Verhältnis zum einstigen Juve-Star schon seit einiger Zeit gestört war. Der Firmenchef redet Klartext: ”Er hat Kritik an den Strukturen des MSV geübt. Das ist eine Ungeheuerlichkeit, die ihm nicht zusteht. Vor zwei bis drei Jahren lag der MSV am Boden, da sind wir wie ,Phönix aus der Asche’ gestiegen. Heute ist der Verein glänzend aufgestellt. Ich weiß nicht, was der Quatsch soll, von Strukturveränderungen zu reden.” Er fügt an: ”Ich will hier keine schmutzige Wäsche waschen, aber unser Team-Manager Michael Meier, das Trainer-Team und das gesamte Funktionsteam sind absolut top und bundesligareif. Selbst die Arbeit der Junioren-Abteilung ist perfekt organisiert. Sicherlich haben wir im Trainingszentrum keine Rasenheizung, aber trotz allem haben wir zur WM die italienische Nationalmannschaft zu Gast. Da insgesamt von strukturellen Problemen zu reden, ist unerhört. Wenn ich als Trainer diese Bedingungen vorfinde, dann würde ich die halbe Welt einreißen.”

Bis zum Saisonende sind die Bundesliga-Weichen nach der neuerlichen Trainerentlassung erst mal gestellt. ”Heiko Scholz und Manfred Stefes werden die Mannschaft betreuen. Das sind beides erfahrene Leute, da brauchen wir keinen Feuerwehrmann. Wir werden aber relativ schnell eine Entscheidung bei der Nachfolge Kohlers treffen, lassen uns dabei aber nicht unter Druck setzen. Einige Kandidaten haben bei mir schon angerufen.” Unter anderem auf der ”to do-Liste”: Christian Schreier (Ex-Profi VfL Bochum, derzeit in Neuruppin), Jörg Berger (ehemals Alemannia Aachen und zuletzt in der MSV-Arena präsent), Michael Henke (Ex-Kaiserslautern), Uwe Rapolder (zuletzt Köln, davor Bielefeld) sowie Holger Fach (zu Saisonbeginn in Wolfsburg). Zum erweiterten Kreis sollen ferner Bruno Labbadia (bis zum 30. Juni bei Darmstadt 98 im Amt) und Ralf Loose (FC St. Gallen) zählen. Die Personalie von Ex-Coach Meier wird vom “obersten Zebra” so beschrieben: ”Man soll nie nie sagen, aber momentan schließe ich eine Rückkehr von Norbert Meier aus.”

Trotzdem steht vor dem Klassenerhalt weiterhin ein riesengroßes Fragezeichen. Der Zigarren-Liebhaber blickt aber dennoch weiter positiv in die nahe, nicht gerade rosige Zukunft: ”Ich gehe davon aus, dass wir jetzt alle wieder als Familie enger zusammenrücken und auf den Boden des MSV zurückkehren. Ich hoffe jetzt auf einen Befreiungsschlag und glaube weiter daran, dass wir den Klassenerhalt schaffen können. Die Chance ist zwar nicht groß, aber sie besteht noch. Wenn es uns nicht gelingt, werden wir im nächsten Jahr wieder aufsteigen. Das ist relativ einfach.” Zumindest mit Uwe Möhrle hat Hellmich dabei weitgehend Einigung erzielt, über den Sommer hinaus weiter zusammen zu arbeiten.

Autor: ag/tt

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