Buch-Tipp: Biographie

Deisler fand "zurück ins Leben"

16. November 2009, 12:14 Uhr

"Ich kann nicht mehr“", sagte Sebastian Deisler im November 2003 zu Uli Hoeneß. Er war Nationalspieler, wie Robert Enke - und erkrankte an Depressionen.

Gerne hätte er dies verheimlicht, wie die meisten anderen, die unter Depressionen leiden. Doch Deisler ging den anderen Weg, machte seine Erkrankung öffentlich und begab sich in stationäre Therapie.

Davon, wie er seine Karriere zwar nicht retten konnte, aber sein Menschsein, schildert der heute 29-Jährige in seiner kürzlich erschienenen Biographie "Zurück ins Leben - Die Geschichte eines Fußballspielers".

In dem bewegenden Buch erzählt Autor Michael Rosentritt, den eine langjährige Freundschaft mit Deisler verbindet, die Geschichte eines jungen Mannes nach, der als fußballerisches Jahrhundert-Talent gilt, mit 21 Jahren Spielmacher der deutschen Nationalmannschaft wird und dessen Ja-Wort dem FC Bayern München ein Handgeld von 20 Millionen D-Mark wert ist.

Aber es ist auch die Geschichte eines unfertigen Burschen aus dem südlichsten Rand der Republik, der von den Medien und dem Fußball zum Heilsbringer stilisiert wird, von dem die Öffentlichkeit Besitz ergreift, der von ihr vereinnahmt wird, der zahlreiche körperliche und seelische Verletzungen erleidet und sich immer weiter zurückzieht. Bei den "Mir-san-mir"-Bayern wird er in der Kabine als "Deislerin" bezeichnet, wenige Tage nach seinem 27. Geburtstag steigt er aus entkräftet, entnervt, gebrochen.

Dann verschwindet er von der Bildfläche. Für die Öffentlichkeit kommt diese Entwicklung nicht ganz überraschend. Es war ein langsamer Tod einer Medienfigur, und wir alle haben diesem Verschwinden über Jahre zugesehen.

In zahlreichen Gesprächen hat sich Deisler in den zwei Jahren nach seinem Rücktritt dem Journalisten Rosentritt anvertraut. Entstanden ist daraus ein Buch über Begeisterung und Liebe zum Fußball, aber auch über Ängste, Qualen, Selbstzweifel, Depressionen und den mühsamen Weg zurück in ein normales Leben.

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Im deutschen Profifußball sind möglicherweise eine Reihe von Spielern mit psychischen Problemen belastet. "Ich weiß, dass schon namhafte Spitzenspieler mit unseren Seelsorgern gesprochen haben und dass denen auch geholfen werden konnte", sagte Florian Gothe in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Der Präsident der Profifußballer-Gewerkschaft will noch nicht mal von einer Dunkelziffer mental labiler Profis sprechen. "Man muss eher sagen: Schwarzziffer - so tabu wie dieses Thema bisher war. Ich gehe davon aus, dass die Quote im Fußball ähnlich ist, wie in anderen Gesellschaftsbereichen."

Gothe räumt zwar ein, dass Berufsfußballer weniger materielle Sorgen hätten, gerade am Karriereende würde es aber einige geben, die massive Existenzängste hätten. Als Konsequenz aus dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke müssten nun der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball Liga (DFL) und die VDV Anlaufstellen für die Profis bieten: "Wir müssen da klare Zeichen setzen: Spieler offenbart euch! Ihr braucht nichts zu verheimlichen. Ruft uns an, wir können euch helfen. Und wir behandeln es absolut vertraulich."

Die Hilfsangebote bei psychischen Erkrankungen dürfen nach Ansicht von Gothe aber "nicht nur am Verein" angekoppelt sein: "Dieses Problem muss die ganze Fußball-Branche lösen. Die momentane Überraschtheit und Betroffenheit zeigt mir zwar: Die Vereine erkennen, dass Optimierungsbedarf besteht - und das ist grundsätzlich gut. Aber noch einmal: Ich glaube, dass sich viele Spieler mit einem echten Problem innerhalb ihres Vereins nicht öffnen werden - auch, wenn man ihnen dort Fachleute zur Verfügung stellt."

An dieser Hürde ist Robert Enke leider gescheitert und hat in ganz Deutschland tiefes Entsetzen, aber hoffentlich auch eine Diskussion abseits von Moral und falschen Tabus angestoßen.

Michael Rosentritt "Sebastian Deisler - Zurück ins Leben - Die Geschichte eines Fußballspielers" 256 Seiten, 22,95 Euro

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