13.08.2008

Was macht eigentlich Karsten Kobs?

„95 Prozent sind zu wenig“

Der Mann im Wassergraben! Die Bilder von Karsten Kobs' Gewinnerbad nach dem WM-Titel 1999 sind vielen Sportfans auch heute noch in bester Erinnerung. Insgesamt acht Mal wurde der Dortmunder Deutscher Meister, nahm an drei Olympischen Spielen teil. In Peking ist der Athlet nicht dabei, nach seinem dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg kündigte der 36-Jährige das Ende seine aktiven Karriere an. Mit RevierSport sprach Kobs über seine Erfolge, seinen Ehrgeiz und sein neues Leben.

Karsten Kobs, am 6. Juli haben Sie ihren letzten Hammer geworfen. Mit der DM in Nürnberg waren Sie nicht wirklich glücklich, oder?
Dass wir dermaßen schlechte Bedingungen vorfinden würden, hätte ich nicht gedacht. Das war wirklich die schlechteste Anlage seit langem. Beim Hammerwurf muss der Ring einfach top sein und das ist häufig das Problem gewesen. Entweder er ist zu stumpf und man kann seine vier Umdrehungen nicht machen oder er ist zu glatt und man legt sich ständig hin.
[infobox-right]Zur Person
Karsten Kobs, geb. am 16.9.1971 in Dortmund, Rekordweite: 82,78 Meter, Vereine: OSC Dortmund, LG Olympia Dortmund, Bayer Leverkusen, Teutonia Lanstrop, ASC 09 Dortmund, Erfolge: 1. Platz Europacup (1996), achtfacher Deutscher Meister, 3. Platz EM (1998), Weltmeister (1999), 3. Platz Grandprix-Finale (2000), 1. Platz Europacup (2003), 8. Platz Olympische Spiele (2004), 8. Platz EM (2006)
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Die Ergebnisse bei den nationalen Meisterschaften waren aber nicht ausschlaggebend für Ihr Karriereende, oder?
Nein, mir war schon vorher klar, dass es nicht mehr reichen würde. Die 105 Prozent, die ich brauche, konnte ich nicht mehr bringen und 95 sind zu wenig.
In Peking wären Sie aber gerne noch einmal dabei gewesen.
Natürlich und das schmerzt auch. Bis März lief eigentlich alles optimal, aber dann konnte ich mich im Mai und Juni nicht mehr steigern. Dann will ich mit meinen Leistungen auch niemanden nerven, meine Sponsoren nicht enttäuschen. An London 2012 zu denken, wäre Blödsinn. Da muss man auch Realist sein.

Sie hatten sich für ihre Karriere vorgenommen, Deutscher Meister zu werden, über 80 Meter zu werfen und ins Olympia-Finale zu kommen, sprich Achter zu werden. Sie haben also alles erreicht.
Zehn Mal mehr als das. In Atlanta 1996 und Sydney 2000 waren meine Leistungen schlecht, deshalb wollte ich in Athen unbedingt ins Finale, ich konnte ja nicht wissen, was in vier Jahren ist. Nach dem Wettkampf war ich Neunter, aber ich habe die kommenden Tage ruhig abgewartet, durch einen Dopingfall bin ich dann noch Achter geworden. Da ist eine Riesenlast von mir gefallen.
Da haben die Kontrollen also gegriffen. Sie müssen jetzt nach der Beendigung Ihrer aktiven Laufbahn ja keine überraschenden Besuche mehr befürchten!
Einige Kollegen vergessen ganz schnell, sich bei der Behörde offiziell abzumelden, dann stehen sie auf einmal unter „missed test“ in der Liste. Ich habe ein Schreiben aufgesetzt und muss mich jetzt nirgendwo mehr abmelden. Zwar darf ich jetzt bei Meisterschaften auch nicht mehr starten, aber das will ich ja auch nicht.
Gehört das deutsche Anti-Doping-System zu den Vorreitern?
Ja, definitiv. Ich wurde mehr als 100 Mal getestet. In anderen Ländern ist das sehr undurchsichtig. Da weiß man nicht, ob dem Verband überhaupt daran gelegen ist, seine Sünder zu outen.

Sie wussten in einigen Fällen doch auch, dass Ihre Konkurrenten nicht sauber sind.

Na klar, und da haben wir den Kontrolleuren auch mal Tipps gegeben, mit welchen Tricks die Weißrussen oder Ungarn gearbeitet haben. Aber man kann sich nicht hinstellen und jemanden beschuldigen, wenn man keine Beweise in der Hand hat.

Verfolgen Sie Spiele jetzt vor dem Fernseher?
Ich weiß noch gar nicht, ob ich Zeit dazu finde. Der Job und die Familie gehen jetzt erst einmal vor. Und ganz ehrlich, ein großer Sportfan bin ich nicht, auch wenn sich das kurios anhört. Sport interessiert mich nicht übermäßig.
Und das, obwohl Ihr Büro in unmittelbarer Nähe zum Signal Iduna Park steht.
Da war ich vielleicht fünf Mal. Zwei Mal wurde ich geehrt oder zu Olympischen Spielen verabschiedet, die anderen Male war ich eingeladen.
Waren Sie auch als Sportler eher ein Einzelgänger?
Ja, eigentlich schon! Wenn wir im Trainingslager oder auf Wettkämpfen waren, habe ich in der Freizeit lieber am Strand gelegen, einfach mal gefaulenzt anstatt noch eine Sightseeing-Tour zu machen. Außerdem hab ich schon immer gerne zu einer Zeit gearbeitet, wenn andere schlafen oder frei haben. Ich liebe dann die Ruhe.
Ohne Trainingsstress und Wettkämpfe haben Sie momentan mehr Zeit für Familie?
Nein, eher im Gegenteil! Ich möchte jetzt meinen Job voranzuschieben und mich in dem völlig neuen Metier einarbeiten.

Sie betreiben die Seite Baubeschlag.de und vertreiben Sportgeräte.
Eigentlich wollte ich 2009 aufhören. Zuvor wollte ich noch bei der Olympiade und bei der WM in Berlin starten. Aber es kommt immer anders als man denkt.
Also war es ein Glücksfall, dass sie schon vorher ins Geschäftsleben eingestiegen sind!
Ich bin 2007 praktisch von der Bundeswehr gegangen worden, da dort einige Meinungsverschiedenheiten aufgetreten sind, nachdem ich mich nicht für die WM qualifizieren konnte. Da musste ich umdenken. Durch einen meiner Sponsoren, Bernd Edelhoff, bin ich dann zu Hoody.de, einem DSL-Anbieter, gekommen. Durch einige Gespräche hat sich herausgestellt, dass Bernd auch Schlösser und Türen vertreibt. Da habe ich mich dann reingehangen, habe eine Domain und ein Shopprogramm gekauft und versuche jetzt, mich dort einzufinden. Ich bin ja ein totaler Anfänger.
Eine berufliche Laufbahn im Sport, zum Beispiel als Trainer, kam nie in Frage?
Das möchte ich den Athleten nicht antun. Ich bin sehr ehrgeizig, manchmal vielleicht übermotiviert. Hammerwurf ist eine Disziplin, die sehr viel Arbeit, technische Voraussetzungen und Geduld erfordert. Vielleicht betreue ich in einigen Jahren mal ein paar Talente bei meinem Club ASC 09 Dortmund. Aber bis vor kurzem war ich die Leichtathletik-Abteilung und der Verein hat auch kein Geld, um da etwas Großes aufzubauen.
Wird man Sie noch einmal im Ring sehen?
Im Herbst gibt es ein kleines Sportfest, zu dem ich auch ehemalige Kollegen einlade, quasi meine Abschiedsvorstellung. Und im Mai 2009 werde ich zum 100-jährigen Bestehen des ASC noch einmal den Hammer werfen. Aber das war es dann auch.
Nach dem WM-Sieg 1999 badeten Sie im Wassergraben der Hindernisläufer. Eine Szene, mit der Sie berühmt wurden!
Frank Busemann hat mal gesagt, er lebt immer noch von seiner Silbermedaille. Bei mir ist es auch so. Alles beruht auf dem WM-Erfolg. Die meisten wissen gar nicht mehr, was für eine Veranstaltung das war, nur den Sprung in den Wassergraben, an den können sich alle erinnern.
Sind Sie stolz darauf?
Ja und nein. Ich bin jemand, der aus einer bestehenden Sache gerne was anderes macht, auch mal aus der Reihe tanzt. Ich will etwas vorantreiben und nicht stehen bleiben. Das versuche ich jetzt im Job. Wichtig ist nur, dass ich immer ich selbst bleibe.

Autor: Sarah Landsiedel

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