06.06.2008

Sebastian Dietz: Sport als Lebens- und Motivationshilfe

„Es geht immer weiter“

Von dem Tag, der sein Leben veränderte, hat er nur noch Bruchstücke in Erinnerung. Den Rest des Puzzles hat er sich aus Erzählungen zusammengesetzt. Rückblick: Sebastian Dietz verließ am 27. Februar 2004 am frühen Morgen das Haus, um in seine Handelsagentur zu fahren.

Als das Fahrzeug des damals 19-Jährigen ins Schleudern geriet, konnte Dietz die Kontrolle nicht halten und prallte frontal in den Gegenverkehr. Dietz wurde in die Unfallklinik Mannheim eingeliefert, wo seine Eltern und seine damalige Freundin über seinen Zustand informiert wurden.

Die Diagnose: Der zweite Halswirbel war angebrochen, der siebte mit Spinalkanalverengung. Der sechste Trümmer, ein weiterer Brustwirbel, beide Schulterblätter und zwei Rippen waren ebenfalls gebrochen. Beide Lungenflügel waren zusammengefallen, sodass eine Not-OP eine schlimmere Lähmung verhindern sollte. Entgegen der ärztlichen Prognose wagte sich Dietz an die Reha und das Lauftraining. Mit RevierSport sprach der Jugendtrainer des FSV Sevinghausen über seine Motivation, den Sport als Lebenshilfe und seine Zukunftspläne.

Sebastian Dietz, vor dem Unfall waren Sie ein guter Fußballer, auf dem Sprung nach oben.
Ich habe beim VfL Neustadt gespielt, bin mit 17 Jahren Vertragsamateur geworden. Mit 18 Jahren wurde ich Stammtorwart der ersten Mannschaft, hatte Angebote aus der Oberliga und Regionalliga auf dem Tisch. Nach dem Ende der aktuellen Serie hätte ich den Club auch gewechselt und einen Schritt nach vorne gemacht.

Doch durch den Unfall kam alles anders. Was sind Ihre Erinnerungen an die Stunden nach dem Unglück?
Ich weiß noch, dass ich meinen Vater gefragt habe, was mit dem Auto sei. Als er sagte, dass man da nach dem Totalschaden nichts mehr retten könne, habe ich erwidert, dass wir los gehen und einen neuen kaufen sollen. Auch ein Pfarrer kam zu mir, um mit mir zu sprechen, aber ich habe gar nicht verstanden, worum es ging. Es dauerte eine Zeit, bis ich begriffen habe, dass ich nicht mehr laufen konnte.
Außerdem haben Sie erfahren müssen, dass durch den Unfall ein Freund der Familie, in dessen Auto sie gefahren sind, an seinen Verletzungen gestorben ist.
Ich habe viel darüber geredet und auch darüber nachgedacht. Ich habe noch versucht, mit der Familie des Verstorbenen Kontakt aufzunehmen, aber ich verstehe auch, dass es keine einfache Situation ist. Ich kann nur sagen, dass es ein Unfall und sicherlich keine Absicht war.

Die Ärzte haben Ihnen prophezeit, dass Sie nie wieder laufen könnten, dennoch haben Sie hart an sich gearbeitet.
Zunächst habe ich nach der Diagnose eine Kurzschlussreaktion gezeigt, bin völlig außer mir gewesen. Dann habe ich mich beruhigt und gesagt: In drei Monaten laufe ich wieder. Ich habe Überstunden in der Reha geschoben, um meinem Ziel wieder ein Stück näher zu kommen. Ich habe jeden Tag etwas Neues gelernt. Als ich wieder mein Gesicht waschen konnte, gab mir das den letzten Motivationsschub.
Sie haben Ihre eigene Zielsetzung übertroffen!
Nach elf Wochen konnte ich wieder gehen, selbst die Ärzte waren überrascht.

Sport war für Sie zunächst kein Thema, wie sind Sie dennoch zur Leichtathletik gekommen?
Fußball war mein Leben, das war erst mal gegessen, deshalb habe ich mich nicht um Sport gekümmert. Meine Mutter hat mir aber in den Ohren gelegen, dass es auch für mich viele Angebote gibt. Sie hat das Internet durchforstet und mich auf die Seite von Wojtek Czyz aufmerksam gemacht.

Czyz ist mehrfacher Europa- und Weltmeister sowie Olympiasieger im Sprint und im Weitsprung...
Er hat mit mir Kontakt aufgenommen, mich angespornt, auch etwas zu tun. Durch ihn habe ich auch Beziehungen zum TV Wattenscheid und der Behindertensportabteilung aufgenommen.

Sprint kam für Sie allerdings nicht in Frage.
Nein, dafür war meine Beinverletzung zu schwer, ich habe schnell gemerkt, dass die Wurfdisziplinen mein Ding sind.

Im Diskuswurf und Kugelstoßen haben Sie schnell Erfolge gefeiert, wurden auch zu Lehrgängen der Nationalmannschaft eingeladen.

Ich bin dann auch ins Internat nach Wattenscheid gezogen, konnte mich so auf das Training konzentrieren.
Sie halten immer noch die nationalen Rekorde in beiden Disziplinen. Mit der Kugel stehen 12,21 Meter, mit dem Diskus 37,28 Meter zu Buche. Dennoch haben Sie mit der Leichtathletik aufgehört. Warum?
Zunächst hat es mir wirklich viel Spaß gemacht, aber man ist doch Einzelkämpfer und ich habe den Teamgeist vermisst. Hinzu kam, dass ich nach einer schlechteren Leistung bei der WM 2006 sofort aus dem Kader geflogen bin. Damit bin ich nicht klar gekommen, meine Auftritte wurden immer schlechter. Deshalb habe ich 2007 aufgehört.
Und sind zurück zum Fußball gegangen.
Meine Freundin war Trainerin beim FSV Sevinghausen, konnte aber den Job aus Zeitgründen nicht mehr ausführen. Also habe ich das Amt übernommen. Momentan trainiere ich die D-Jugend, im nächsten Jahr dann die C-Jugend.

Was waren Ihre größten sportlichen Erfolge?
Für die Nationalmannschaft zu starten war ein tolles Gefühl. Man wird wahr genommen, es gibt sogar Autogrammjäger. Es ist auch ein schönes Gefühl, anderen zu helfen und ihnen zu zeigen, dass es immer nach vorne geht. Ich möchte vielen Menschen von meiner Geschichte erzählen, um zu demonstrieren, dass es immer weitergeht, egal was passiert.
Sport unterstützt Sie dabei!
Der ist immer noch alles für mich, ein Leben ohne kann ich mir nicht vorstellen. Ich trainiere drei Mal in der Woche die Jugend, irgendwann möchte ich mal in den Seniorenbereich. Außerdem bleibt es ein Traum, noch einmal für 90 Minuten auf dem Platz zu stehen.
Wie hat der Unfall Sie verändert?
Ich bin gelassener geworden, vorher war ich immer sehr hibbelig, immer nervös. Aber das Leben ist zu kurz, um ständig zu zweifeln. Das habe ich gelernt.
Haben Sie noch Beschwerden?
Ich habe eine Platte im Hals, die mir hin und wieder Probleme bereitet. Kälte ist generell nicht gut für mich, deshalb liebe ich Urlaube in warmen Regionen.
Haben Sie oft mit Vorurteilen zu kämpfen?
Ich sitze nicht im Rollstuhl, deshalb ist meine Behinderung nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. Wenn ich dann auf einem Behindertenparkplatz stehe, gibt es oft dumme Kommentare von anderen Leuten. Anscheinend passt das nicht ins Schema, dass man in meinem Alter behindert ist. Das ist auf Dauer sehr nervig und anstrengend.
Verfolgen Sie die Geschehnisse in der Leichtathletik noch?
Ich kenne ja einige Sportler, deshalb gucke ich schon, was die so treiben. Wojtek ist ohnehin eines meiner großen Vorbilder. Was er leistet, ist Ansporn für jeden Menschen mit einer Behinderung.

Autor: Sarah Landsiedel

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