27.02.2008

Vlatko Glavas im Interview – RWE-Amateurmeister mit dem Turban

"Neue Ära beginnt"

Er lief für den Wuppertaler SV, RW Essen und Fortuna Düsseldorf auf. Als Trainer begann Vlatko Glavas seine Karriere in Wuppertal, anschließend verschlug es ihn nach Baumberg, Sodingen und zu TuRU Düsseldorf. Das Highlight war aber sicher die Tätigkeit, die neben der Verantwortung an den Clublinien die Zeit des 42-Jährigen beanspruchte.

Der Job als Coach der Nationalmannschaft von Bosnien und Herzegowina (2002 bis 2007). Mal gab es Oberliga-Duelle vor 300 Fans, wenige Tage später Länderspiele mit Prickelfaktor vor 70.000 Zuschauern. Seit September 2007 ist Glavas im Besitz des UEFA Pro-Trainerdiploms (Fußball-Lehrer). RS unterhielt sich mit dem Ex-Profi.
Vlatko Glavas, den Titel Nationalcoach haben nicht viele in ihrem Lebenslauf. Wie war die Zeit an der Linie von Bosnien und Herzegowina?
Wunderschön, ich habe das mit einem Kollegen zusammen gemacht. Aber wie das üblich ist für Trainer, nach zwei Niederlagen gegen Griechenland war das zu Ende. Es war aber auch keine einfache Phase, ich war zeitgleich Trainer bei TuRU Düsseldorf, wo ich meinem Freund Heinz Schneider helfen wollte. Wichtig für den Job in Bosnien und Herzegowina war, dass viele Spieler in Deutschland aktiv sind. Misimovic, Barbarez oder Bajramovic. Leider haben wir hauchdünn die WM-Qualifikation für Deutschland verpasst. Trotzdem war es eine tolle Sache, gleich zu Beginn der Karriere eine solche Aufgabe zu haben. Wir haben sogar gegen Deutschland ein Remis geholt. Frankreich, Brasilien und Italien wurden geschlagen. Das vergisst man niemals.
Und wie geht es weiter für Sie?
Ich habe, auch durch den Trainerschein, eine kleine Auszeit hinter mir. Jetzt bin ich bereit für eine neue Herausforderung. Es gab viele Angebote aus der Heimat, aber ich möchte gerne hier etwas finden. Ich wohne in Deutschland, auch während der Zeit als Nationaltrainer war ich immer eine Woche in Bosnien, dann drei Wochen hier.
[infobox-right]Der 42-Jährige machte die ersten Fußballerfahrungen bei Iskra Bugojino, ehe es ihn nach 16 Jahren im gleichen Verein 1991 zu RW Essen, damals in der Oberliga aktiv, verschlug. Es folgte 1992 der Wechsel zum Wuppertaler SV, ein Jahr später folgte Glavas dem Ruf aus Düsseldorf. Drei Spielzeiten war er an der Kö aktiv, dann ging es zurück nach Kroatien zu NK Osijek. Den Abschluss der aktiven Karriere vollzog Glavas beim WSV, wo er auch die ersten Erfahrungen im Trainerbereich erfuhr. Neben den Stationen Sodingen (2001 bis 2001), Baumberg (2001 bis 2003) und TuRU Düsseldorf (2005 bis 2006) arbeitete der Ex-Profi auch als Coach der Nationalmannschaft von Bosnien und Herzegovina (2002 bis Januar 2007). Seit 2007 ist er zudem im Besitz des UEFA Pro-Trainerdiploms (Fußball-Lehrer).[/infobox]
Wie stark ist der bosnische Fußball? In der Weltrangliste rangiert man auf Platz 56.
Wir waren schon weiter vorne. Aber noch ist kein neuer Barbarez oder Salihamidzic in Sicht. Die eigene Liga muss besser werden, das wäre sehr bedeutend. Aber dafür muss man viel Geduld mitbringen. Es fehlt einfach das Geld. Wenn wir alle Kicker hätten, die für Kroatien oder Serbien auflaufen, die aber in Bosnien geboren sind, wie zum Beispiel Schalkes Krstajic, dann hätten wir eine top Mannschaft. Wir haben eine gute U21, vielleicht können wir in einigen Jahren bei einem großen Turnier mitwirken. Die Begeisterung ist auf alle Fälle riesig. Wenn wir spielen, geht kaum noch einer zur Arbeit. Bei uns kann man fast nur durch den Sport nach vorne kommen.

Vor wenigen Tagen hat sich der Kosovo als unabhängig erklärt. Wie haben Sie das mitbekommen?
Ich habe viele Freunde dort. Es freut mich für die Leute, wir haben auch ein bosnisches Land bekommen. Wenn die Menschen denken, die Zeit ist gekommen, dann sollen sie das auch machen. Es gibt dort auch viele gute Fußballer, das wird dort eine neue Herausforderung.
[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/006/683-6911_preview.jpeg Vlatko Glavas zu Besuch bei RS:[/imgbox]
Dann stehen in der Zukunft in dieser Region viele heiße Derbys an, oder?
Das stimmt, ich hoffe in dem Zusammenhang
Das stimmt, aber ich hoffe in diesem Zusammenhang, der Sport kommt zurück in die Stadien, nicht die Politik. Ich habe viele unterschiedliche Zeiten erlebt. Wir Sportler haben nie über den Krieg geredet. Als ich nach Deutschland kam, war Schalkes Mihajlovic mein bester Freund. Er war Serbe, ich Kroate, das passte trotzdem. Es wäre einfach schön, wenn der ganze Balkan sich stabilisiert.
Kommen wir zu Ihrer Trainerlaufbahn. Kribbelt es schon wieder?
Klar, ich bin bereit. Aber so lange niemand entlassen wird, kommt man nicht rein. Und man wünscht keinem Kollegen, dass er den Job verliert. Mal schauen, was passiert. Wichtig ist, man findet einen Verein, bei dem man etwas bewegen kann.
Sie haben große Unterschiede erlebt. Wie war es, an einem Tag mit Barbarez zu trainieren, zwei Tage später mit Oberliga-Akteuren?
Ich habe sie gleich behandelt. Ein Barbarez ist ein absoluter Profi. Ich habe versucht, diese Einstellung auch bei TuRU zu vermitteln. Das hat auch ganz gut geklappt. Ich habe nicht erwartet, dass fußballerisch alles genau so funktioniert, aber die erstklassige Einstellung darf man erwarten. Mir haben speziell diese Erfahrungen viel gebracht.

Wie sehen Sie sich als Trainer?
Ich spreche viel mit den Jungs, ich kann aber auch mal dazwischen hauen. Viel wird im Kollektiv gemacht. Ich muss auf keinen Fall im Vordergrund stehen. Ich selber hatte viele gute Coaches, von jedem konnte man was mitnehmen. Am meisten von meinem ersten Trainer in Bugojino. Ohne ihn hätte ich nicht so eine Karriere gehabt.

Sie liefen für Wuppertal, Essen und Düsseldorf auf. Verfolgen Sie die Clubs weiterhin?
Ja, speziell im letzten Jahr. Ich habe einige Spiele live verfolgt. In Essen habe ich einmalige Dinge erlebt. Wir wurden deutscher Amateurmeister, ich lief mit Turban auf. Das ist 16 Jahre her, ich war Publikumsliebling, es war eine tolle Zeit. Dann wurde ich verkauft, weil es Probleme gab. Mein Herz hängt immer noch an der Hafenstraße, ich habe auch viele Freunde hier.
Wo hatten Sie denn die beste Phase?
Alle Vereine haben mir viel bedeutet. Die Amateurmeisterschaft mit Essen war wunderbar. Beim WSV spielte ich zweite Liga, auch das war klasse. In Düsseldorf half ich mit meinen Treffern in Chemnitz zum Aufstieg in die zweite Liga. Dann folgte sogar die erste Liga, diese Klasse ist einmalig. Im Pokal schlugen wir im Halbfinale sogar die Bayern.
Tolle Momente in ganz NRW. Würden Sie sich daher auch ein Engagement in der Umgebung wünschen?
Klar, wenn ich die Möglichkeit bekomme, würde ich gerne was in der Nähe machen. Es gibt immer mal wieder lockere Kontakte. Beim WSV war ich schon Co-Trainer unter Frantisek Straka. Aber konkret war noch nichts. Zuletzt war ich in Erfurt im Gespräch. Ich habe aber keinen Zeitdruck. Aktuell schaue ich mir viele Spiele an, kommentiere immer mal wieder etwas für die bosnische Presse. Irgendwann kommt die richtige Sache für mich. Angebote gab es auch aus der arabischen Welt, aus China oder Korea. Aber das wollte ich nicht.

Dann schauen wir zurück auf die Regionalliga. Was glauben Sie, wer steigt am Ende auf?
Der WSV hat eine gute Elf, es gab aber viel Unruhe nach der Entlassung von Wolfgang Jerat und Achim Weber. Ich glaube dort nicht an den Aufstieg, man muss alles erst noch verdauen. Trotzdem wünsche ich Herrn Runge viel Glück. Die Fortuna habe ich gegen den WSV gesehen, ich hoffe, hier geht es wieder hoch. Das hat die Stadt verdient. Bei RWE ist der Aufstieg wohl abgehakt. Man muss kämpfen, um die dritte Liga sicher zu erreichen. Für mich ist Dresden noch ein heißer Kandidat für den Aufstieg, Erfurt habe ich nicht auf der Rechnung. Optimal wäre es für die Umgebung, wenn Düsseldorf und Wuppertal hoch gehen, Essen kommt in die dritte Klasse, um dann im nächsten Jahr anzugreifen.
Wie haben Sie denn die fußballfreie Zeit im letzten Jahr verbracht?
Ich war komplett zu Hause, fast schon zu viel, nachdem ich vorher fünf Jahre mehr im Flieger als daheim verbracht habe. Sicher ist, langweilig war es nicht, trotzdem darf nun wieder die Zeit kommen, wo ich jeden Tag auf dem Platz stehe.

Sie haben zwei Kinder. Hat Ihr Sohn auch die Chance auf eine Fußballer-Karriere?
Er ist 21 und spielt. In der Jugend-Bundesliga war er für Duisburg und Viktoria Köln am Ball. Dann war er verletzt, anschließend versuchte er sein Glück in Österreich bei Manfred Bender. Jetzt läuft er gerade für den FC Monheim auf, im Vergleich zu mir fehlt ihm etwas der Ehrgeiz. Im Vordergrund steht nun die Ausbildung zum Immobilienkaufmann.

Und für sie die Trainerlaufbahn, oder?
Ja, ich habe bisher alles erlebt. 100.000 Zuschauer beim Abschiedsspiel 2000 gegen die FIFA Weltauswahl in Sarajevo. Wenige Tage später 300 Fans bei der TuRU. Das war wie Tag und Nacht. Aber jetzt beginnt eine neue Ära. Ich möchte etwas finden, was mich weiter nach vorne bringt.

Autor: Christian Brausch

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