Rolf Schafstall, der einstige „Feuerwehrmann“ auf der Trainerbank, im Gespräch

„Arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten!“

Ralf Piorr
03. Januar 2008, 12:56 Uhr

Auch mit siebzig Jahren wirkt Rolf Schafstall noch immer drahtig und agil. Beinah jeden Tag schuftet der „Fußball-Rentner“ mit Hanteln im Fitness-Studio, um sich fit zu halten. „Malochen!“ Dieses Image zeichnete Schafstall als Verteidiger in der Oberliga West und später als Trainer in der Bundesliga aus. Sein Spezialgebiet: Abstiegskampf. Oft wurde er von Vereinen als „Feuerwehrmann“ engagiert, um den drohenden Absturz in die Zweitklassigkeit zu verhindern. Oft genug gelang es ihm auch.

Rolf Schafstall, mit was für „Fußbällen“ haben Sie das Kicken gelernt?
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Die waren mit Sicherheit nicht aus Leder! (Lacht.) In meinem Geburtsort Hamborn-Neumühl haben wir auf der Straße mit zusammengebundenen Putzlumpen gespielt und mit Ziegelsteinen als Torpfosten. Damals fuhr ja kaum mal ein Auto auf der Straße. Dann gab es die ersten Gummibälle in den Geschäften, und ich stand vor einer Schaufensterscheibe und habe mir so einen Ball wochenlang vor Weihnachten angeguckt. „Mensch, wenn ich den zu Weihnachten haben könnte“, habe ich oft zu meinem Vater gesagt. Und wahrhaftig: Zu Heiligabend lag der wunderbare Gummiball auf dem Gabentisch! Und was machten wir Jungens? Wir rannten sofort auf die Straße und kickten. Bereits nach zehn Minuten war der neue Ball so etwas von verbeult, das er nicht mehr rund sondern eher achteckig war. Das Gummi-Material war einfach schlecht, aber es war trotzdem
der erste richtige Ball, den ich hatte, und daran erinnert man sich doch.

Was ist Ihnen aus Ihrer Kindheit in Erinnerung geblieben?

Natürlich die Kriegsjahre und die harte Zeit des Wiederaufbaus. Wir sind als Kinder dreimal evakuiert worden, und ich habe kaum eine richtige Schulausbildung gehabt. Erst als der Krieg zu Ende war, kam ich wieder nach Hamborn zurück und ging regelmäßig zur Schule. So musste ich anfangs gehörig hinterherlaufen, da ich schon viel verpasst hatte. Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern, mein Vater arbeitete als Hafenmeister. Da gab es nicht viel zu verteilen. Man hat gelernt, mit wenig auszukommen, und für das, was man haben will, hart zu arbeiten. Um etwas erreichen zu können, muss man arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten. Diese Prinzipien haben sich in mir festgesetzt, weil ich eben selbst durch diese „Lebensschule“ gegangen bin, und später habe ich gesehen, dass sie auch auf dem Fußballplatz gelten.

War der Fußball für Sie eine Chance, nach „oben“ zu kommen?

Auf jeden Fall. Ich war von der D-Jugend an bei Hamborn 07 und
Fußball war einfach eine Möglichkeit, im Leben irgendwo weiter zu kommen. Es gab sicher größere Talente, aber ich war als Spieler sehr ehrgeizig und habe kaum einen Sonntag pausiert.

Im September 1955 debütierten Sie in der Oberliga West bei Ihrem Stammverein Hamborn 07. Gleich mittendrin im Abstiegskampf…

Ja, die Hamborner Löwen wurden damals von der Presse zu ersten „Fahrstuhlmannschaft“ ernannt. Es war ein stetes Auf und Ab zwischen der Oberliga und der 2. Liga West. Ich kam aus der Jugend und wurde mit 18 Jahren Vertragsspieler für ein Grundgehalt von 125,- Mark. Man konnte von dem, was man als Fußballer verdiente, nicht leben. Es war ein kleines Zubrot, auch wenn man diesen Betrag in Relation zu den Umständen der Zeit
sehen muss.
Wo haben Sie gearbeitet?

Ich habe auf der Zeche Neumühl meine Lehre gemacht und war dort Gruben-Elektriker. Ein paar Monate habe ich auch unter Tage gearbeitet, aber - Gott sei Dank - war das schnell vorbei. Ich habe mich so tief unter der Erde überhaupt nicht wohl gefühlt und wollte da nur raus. Später kam ich zur Thyssenhütte, auf der die Fußballer von Hamborn 07 mehr oder weniger alle unterkamen. Wir arbeiteten in unserem Beruf und waren trotzdem näher am Verein dran, was ja auch wegen Training und dergleichen wichtig war.

In der Oberliga West hatten Sie noch einen Helmut Rahn als Gegenspieler…

Drei oder viermal habe ich gegen ihn gespielt, und er stand noch im Zenith seines Könnens. Ich war Zeit meines Lebens linker Verteidiger und im damaligen WM-System durfte man die
Mittellinie kaum überschreiten. Rahn spielte Rechtsaußen, also war er mein Gegenspieler.

Hatte man Respekt?

Aber ganz gehörig. Ich erinnere mich an ein Spiel, als Rahn in der Saison 1959/60 für den 1. FC Köln spielte. Generell habe ich meinem Gegenspieler gern die Außenlinie frei gegeben, damit ich mir dann den Ball mit der Grätsche schnappen konnte, denn im
Tackling war ich todsicher. In diesem Spiel kam Rahn also wie eine Dampfwalze auf mich zu und während ich grätsche, spitzelt er den Ball mit der Fußspitze an mir vorbei und läuft über die Aschenbahn wieder ins Feld rein. Es kam, wie es kommen musste: Er bringt die Flanke in den Sechzehner, Kopfball Christian Müller, Tor! Während dessen lag ich immer noch auf
der Erde und war ganz ratlos, wie mir das passieren konnte. Außerdem war Rahn ein Spieler ohne Standesdünkel. Man konnte ihn als junger Verteidiger ruhig angehen, da kam keine Bemerkung so nach dem Motto: „Ich bin Nationalspieler, und wer bist Du?“

Autor: Ralf Piorr

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