10.07.2018

SGW-Investor

5 Millionen Euro in 3 Jahren für Wattenscheid

Foto: Haalo Technology

Am Montagabend hat Regionalligist SG Wattenscheid 09 seine Mitglieder im Jugendheim Charivari über die gemeinsamen Pläne mit der Firma Haalo Technology informiert.

Das Hamburger Start-Up möchte den Traditionsverein aus dem Ruhrgebiet mit Hilfe einer großen Investition und neuen Technologien zurück in den Profifußball führen. Fünf Millionen Euro soll Wattenscheid in den nächsten drei Jahren von Haalo kassieren. Das wäre ein Segen für den notorisch klammen Viertligisten. Wir haben mit Haalo-Chef Peter Jaeger ausführlich über die großen Pläne an der Lohrheide gesprochen.

Peter Jaeger, warum hat sich ein Unternehmen aus Hamburg dazu entschieden, die SG Wattenscheid 09 zu unterstützen?
Lukas Bennemann ist einer unserer Mitgründer. Seit November 2017 gehört er auch zum Aufsichtsrat der SG Wattenscheid 09. So kam der erste Kontakt zustande. Er sagte, dass das Thema Digitalisierung im Fußball sehr interessant für Wattenscheid sein kann. Wie fast alle Vereine aus der Regionalliga schwamm Wattenscheid um den Nullpunkt herum. Es gab Schwierigkeiten, Sponsoren zu finden und aus der vierten Liga herauszukommen. Der Verein war auch in der Vergangenheit stets abhängig von einzelnen Personen und Geldgebern. Aus diesem Teufelskreis möchten wir mit Wattenscheid raus. Wir wollen dabei helfen, den Verein für die Zukunft breit aufzustellen. Das Wohl des Vereins darf nicht mehr von einzelnen Personen abhängen. Unser Ziel ist es, unsere Technologien sofort einzubringen, um den Verein damit nach vorne zu führen.

Wie genau sehen diese Technologien aus?
Wir sehen die Sportwelt für die Digitalisierung in vier Bereichen. Zunächst geht es um den Aspekt Fan-Engagement: Dazu zählt alles, was das Spieltags-Erlebnis und alles zwischen den Spielen betrifft. Dann gibt es das Thema Value-Management. Hierbei geht es um alles, was in und um das herum Stadion passiert. Wie kann das digitalisiert werden? Dann sehen wir das Thema Team-Performance. Wie kann ich mit Hilfe von digitalen Technologien die Performance der Spieler steigern? Beim vierten Bereich geht es darum, das Team hinter dem Team zu verbessern.

Wattenscheid spielt seit einigen Jahren in der Regionalliga. Sie sprachen davon, dass Sie mit dem Verein zurück in die Bundesliga wollen. Ist das tatsächlich realistisch?
Unser Ziel ist die Rückkehr in den Profifußball. Wir wollen zunächst zwei Ligen nach oben. Das schaffen wir auch.

Aber dafür benötigt der Verein Geld für bessere Spieler. In welchem Umfang werden Sie Wattenscheid 09 konkret unterstützen?
Bei Vereinen wie Leipzig oder Hoffenheim wurden langfristig mehr als 500 Millionen Euro investiert. Das wollen und können wir nicht. Geplant ist, die erste Mannschaft in eine eigenständige GmbH auszugliedern, um dann mittel- und langfristig weitere Erlösquellen für den Verein zu erschließen. Diesen Prozess möchte der Verein zum Ende des Jahres starten.

Dazu müssten Sie Anteile kaufen.
Wir würden eine Sperrminorität von der neu zu gründenden Fußball-GmbH übernehmen. Diese beginnt bei 25,1 Prozent. Dafür wollen wir zwei Millionen Euro aufwenden. Dies wird in den Verein, in die Infrastruktur und sicher auch in Spieler investiert. Dazu werden wir neben dem Einzelinvestment jedes Jahr eine Million Euro investieren. Das ist unabhängig von der Ligazugehörigkeit. Auch Oguzhan Can hat zugesagt, Wattenscheid weiter zu unterstützen. Wir wollen den Verein langfristig aufbauen. Ganz wichtig sind für uns die Bereiche Nachwuchsförderung und Scouting. Eines der ersten Produkte, das wir auf den Markt bringen, ist Haalo-Scout. Auf Basis von Daten, die vorhanden sind und die von uns generiert werden, soll es uns gelingen, die richtigen Talente zu identifizieren. In diesem Bereich gibt es sehr viele Videoaufnahmen. Dafür haben wir Technologien gebaut, um diese Bilder so zu analysieren, damit wir wissen, wie gut die Spieler tatsächlich sind. So können wir von der Jugend bis in die oberen Amateurligen prüfen, welcher Spieler für die SGW passt. In Wattenscheid ist es derzeit so wie bei vielen anderen Amateurvereinen. Es gibt nicht genug Geld, um die Spieler länger als ein Jahr zu binden. So können etwa keine Transfererlöse erzielt werden. Unser Anfangsinvestment soll dabei helfen, dies zu ändern.

Wo liegt denn Ihr Benefit bei dieser Investition?
Unser Benefit liegt darin, dass unsere Technologien gemeinsam mit dem Verein und den Mannschaften getestet und weiterentwickelt werden. Sollten diese funktionieren, können wir sie auch problemlos in der Bundesliga einsetzen. Es gab auch schon Gespräche mit einigen Vereinen, die Interesse signalisiert haben. Wenn wir bei einem Amateurverein Erfolge nachweisen können, wären auch Bundesligisten bereit, die Technologien einzusetzen. Diese würden auch in anderen Sportarten funktionieren, selbst im E-Sport.

Erfolge hängen im Fußball in der Regel mit den Ergebnissen auf dem Platz zusammen. Welchen Einfluss werden Sie durch Ihr Investment auf die Mannschaft haben?
Die Entscheidungen trifft der Trainer. Aber er wird die Technologien von uns einsetzen. Wir sagen dem Trainer nicht, wen er aufzustellen hat. Seit dem Start des Projekts sind wir mit Farat Toku in sehr intensiven Diskussionen darüber, wie wir ihn unterstützen können, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Technologie kann aber nur auf Basis aller Daten helfen, die Aufstellung liegt letztlich beim Trainer. Der FC Midtjylland, der digitale Technologien anwendet, ist in diesem Jahr dänischer Meister geworden. Es funktioniert also. Man benötigt dafür ein offenes Trainerteam, ein offenes Umfeld und den Glauben daran, dass es mit unseren Technologien funktionieren kann. Die Daten werden immer besser. Über die Nutzung wird die Wahrscheinlichkeit, ein gutes Ergebnis zu erzielen, besser.

Wattenscheid 09 soll der digitalisierteste Verein Europas werden. Was genau haben sich die Fans darunter vorzustellen?
Das Ticketing wird digitalisiert. Auch Kaufprozesse im Stadion sollen digitalisiert werden. Der Fan dürfte auch mit seinem Handy bezahlen. Damit können wir feststellen, wie der Fan das Erlebnis im Stadion nutzt. Wenn wir wissen, was der Fan möchte, können wir es ihm direkt vorschlagen, wenn er das Stadion betritt.

Was hat es denn mit der geplanten Kryptowährung auf sich?
Das ist eine Haalo-interne Sache. Wir können den Fan und die Mannschaft dabei einbeziehen. So soll es dem Fan möglich sein, die Spieler für beispielsweise gute Aktionen zu belohnen. In diesem Fall kommt die Kryptowährung zum Einsatz. Das ist jedoch keine Notwendigkeit für den Fan.

Sie haben betont, dass die Mannschaft mit Hilfe von Daten besser werden kann. Können Sie das genauer erläutern?
Wir tracken Wattenscheid heute schon mit grundlegenden Werten. Dazu zählen vor allem Medizin-, Wohlfühl- oder Stresswerte. Das sind alles Punkte, die dazu beitragen, zu verstehen, wie gut der Spieler drauf ist. Wir kontrollieren die Leistungen der Spieler im Detail auf dem Platz. Das sind enorme Mengen an Daten. So können wir auch dem Trainer helfen.

Glauben Sie, dass Ihre Ideen bei den Mitgliedern gut ankommen werden? Denn speziell das Thema Ausgliederung ist bei den Traditionalisten im Revier ein heikles Thema.
Eine Ausgliederung bedeutet nicht, dass jemand zu 100 Prozent die Kontrolle übernimmt. Wir werden bei 25,1 Prozent bleiben, das ist am Ende rein betriebswirtschaftlich zu sehen. Die Mannschaft gehört weiterhin dem Verein, auch in der Mehrheit. Wir haben bereits mit den Fanvertretern gesprochen und das Feedback war sehr positiv, da wir einen langfristigen Weg aufgezeigt haben, der unabhängig von einzelnen Personen ist und der dem Verein zumindest die Möglichkeit gibt, langfristig wieder im Profifußball dabei zu sein.

Gibt es Pläne für einen Ausbau des Lohrheidestadions?
Von Stadt und Land gibt es die Intention, das Stadion auszubauen, sodass der Status als Olympiastützpunkt erhalten werden kann. Man spricht dabei in Summe von rund 20 Millionen Euro, die investiert werden sollen. Eine der modernsten Arenen Deutschlands bauen wir damit nicht auf. Es bleibt weiterhin ein Stadion mit einer Tartanbahn. Aber die Modernisierung wird vorangetrieben. Der Verein wird keine ähnlichen Probleme wie Holstein Kiel haben.

Autor: Martin Herms

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