Nationalspieler André Schürrle geht in sein zweites Jahr bei Borussia Dortmund. Ein Gespräch über Selbstkritik, Selbstvertrauen und Mario Götze.

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Schürrle: "Ich beneide andere Spieler"

Daniel Berg
01. August 2017, 10:44 Uhr
Foto: Alex Gottschalk / DeFodi.de

Foto: Alex Gottschalk / DeFodi.de

Nationalspieler André Schürrle geht in sein zweites Jahr bei Borussia Dortmund. Ein Gespräch über Selbstkritik, Selbstvertrauen und Mario Götze.

André Schürrle schlendert durch das Foyer des Teamhotels in Bad Ragaz, nimmt in den tiefen Polstern eines Sofas Platz. Im Fenster hinter ihm erheben sich die Berge der Schweizer Alpen, vor ihm liegt eine neue Chance: Trainingslager, Vorbereitung, Grundlagen für eine gute Saison schaffen. Der Profi von Borussia Dortmund atmet durch. Angekommen zum Interviewtermin. Und sonst?

Herr Schürrle, fühlen Sie sich nach einem Jahr angekommen in Dortmund?
Angekommen zu sein, ist ein Begriff, der schwer ist zu benutzen, wenn man eine sportlich schwierige Saison hinter sich hat. Ich habe mich vom ersten Tag an wohlgefühlt in der Stadt, im Verein, in der Mannschaft – und das ist immer noch so. Trotzdem ist Ankommen für mich auch mit sportlichem Erfolg in Verbindung zu bringen. Sportlich bin ich noch etwas schuldig.

Ich hatte Schwierigkeiten mit mir selbst
André Schürrle (Borussia Dortmund)

Was sind die Gründe dafür?
Ich bin ein Mensch, der die Fehler zuerst bei sich sucht, der sehr viel reflektiert. Ich habe gut angefangen, war extrem motiviert. Ich wollte in einem so großen Verein direkt etwas zeigen. Meine ersten Spiele waren top, dann war ich verletzt, kam gegen Real Madrid zurück mit einem Tor, das mir das Gefühl gegeben hat, vielleicht schon angekommen zu sein. In dem Spiel habe ich mich wieder verletzt und habe von da an nie mehr so wirklich in die Mannschaft gefunden.

Warum?
Ich hatte Schwierigkeiten mit mir selbst. Es war mental nicht leicht, weil ich gemerkt habe, dass ich hinten dran bin, dass die Mannschaft eingespielt ist. In dieser Zeit habe ich viel auch mit mir selbst ausmachen müssen.

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/079/741-80809_preview.jpeg André Schürrle (l.) im Gespräch mit Funke Sport-Chefreporter Daniel Berg. [/imgbox]

Wie sieht das aus, wenn Sie viel mit sich selbst ausmachen?
Ich stelle vieles infrage, mich selbst logischerweise auch. Wenn man mich kennenlernt, merkt man, dass ich ein tiefgründiger Mensch bin. Das Letzte, was man als Fußballer will, ist, nicht so gut dazustehen: bei den Fans, in den Medien, in der allgemeinen Wahrnehmung. Da versucht man, viele Dinge umzustellen. Manchmal ist das sinnvoll, oft aber auch schon der erste große Fehler.

Mehr Gelassenheit würde helfen?
Einerseits ja. Wenn ich mir einige unserer jungen Spieler im Team ansehe, glaube ich nicht, dass sie sich nach ein paar Spielen, die nicht so riesig waren, groß einen Kopf machen. Jeder Typ ist anders, und nichts davon ist per se besser oder schlechter.

Woher kommt diese ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstkritik?
Mir ist klar, dass man in einer Mannschaftssportart bis zu einem gewissen Grad auch von den Teamkollegen und dem Trainer abhängig ist und Selbstkritik auch endlich sein muss. Aber man hat mir das eben so beigebracht.

Bislang haben Sie stets nach spätestens zwei Jahren Ihren Klub verlassen. Warum?
Es steckte jedenfalls kein vorgefertigter Plan dahinter. Um ehrlich zu sein: Ich war in Wolfsburg davon ausgegangen, dass ich erstmal eine Mannschaft gefunden habe, in der ich meinen Platz habe. Dann aber kam die Möglichkeit, zu einem der größten Vereine in der Welt zu wechseln. Also bin ich diesen Weg gegangen, voller Überzeugung, die bis heute anhält.

Eine Sehnsucht, anzukommen, existiert also schon?
In gewisser Hinsicht beneide ich manche Spieler, die fünf, sechs Jahre bei einem Verein spielen, die den Klub und alle Personen in- und auswendig kennen, die ein gutes Standing im Verein, bei den Fans, bei den Verantwortlichen haben.

Ich kann ein sehr guter Spieler für Borussia Dortmund sein
André Schürrle (Borussia Dortmund)

Wie blicken Sie auf die nächste Saison?
Es fühlt sich alles gut an. Ich habe in der Vorbereitung viel Spielzeit gehabt. Seit Mitte April hatte ich kein richtiges Training gehabt, muss jetzt meine Form und körperliche und mentale Fitness finden. Dann kann ich ein sehr guter Spieler für Borussia Dortmund sein.

Wie wichtig ist dabei die Rückkehr von Mario Götze?
Sehr, sehr wichtig. Er weiß, wie er mich anspielen muss, er kennt meine Laufwege. Aber er ist nicht nur für mich wichtig, sondern für die ganze Mannschaft.

Wie wirkt er auf Sie?
Nach den fünf Monaten braucht er noch Zeit, klar. Aber ich merke, dass er Lust hat, auf dem Platz wieder Dinge zu probieren, die seine Frechheit und damit seine Genialität als Fußballer ausmachen.

Zum Freundes-Zirkel gehört auch Marco Reus. Seit einem Jahr spielen Sie alle im gleichen Klub, wegen Verletzungen nur nie miteinander.
Doch einmal, glaube ich: in Mainz, 20 Minuten lang. Eigentlich traurig, oder? Wir haben auch schon darüber gesprochen, dass das verrückt ist. Bis Januar oder Februar, wenn Marco nach seiner Verletzung zurückkehrt, wird es erst einmal wieder nichts werden.

Vielleicht ja dann bei der WM 2018.
Das ist der Plan (lacht). Marco wird hoffentlich genug Zeit haben, um in Form zu kommen. Eine WM ist großartig. Dinge, die schon mal gut waren, wiederholt man gern. Nur dieses Mal alle zusammen, bitte.

Wie ist Ihr Kontakt zum neuen Trainer Peter Bosz?
Wir sprechen viel. Er will, dass ich Verantwortung übernehme. Ich habe ein gutes Gefühl, weil ich gut mit ihm reden kann, das ist mir wichtig. Ich glaube, dass er ein guter Mensch ist, sehr geerdet, sehr ruhig.

Ich habe immer schon ein gutes Verhältnis zu Thomas Tuchel gehabt
André Schürrle (Borussia Dortmund)

In jedem Falle etwas anders als sein Vorgänger. Hatten Sie nach seiner Entlassung noch einmal Kontakt zu Thomas Tuchel?
Bislang nicht. Wir werden aber auch wieder Kontakt haben. Ich habe immer schon ein gutes Verhältnis zu Thomas Tuchel gehabt, daran ändert auch die vergangene Saison nichts, in der wir unsere Differenzen hatten.

Darüber konnte man erstaunt sein: Schließlich hat er Sie einst in die Bundesliga geholt, Sie mit seiner Unnachgiebigkeit genervt, aber auch entscheidend gefördert.
Das stimmt. Wenn man die ganze Zeit nur gestreichelt wird und gesagt bekommt, wie toll man alles macht, dann bringt einen das auch nicht weiter. Er hat mir mit dieser härteren Herangehensweise, immer noch mehr zu verlangen, sehr geholfen, als ich jung war. Das werde ich ihm nie vergessen.

Autor: Daniel Berg

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