18.01.2015

Schalke 04

„Die große Karriere wollen alle machen, aber..."

Ex-Schalke-Doc Thorsten Rarreck über die Gründe für die vielen Verletzungen und Fußball als Kopfsache.

Fast 15 Jahre lang war Dr. Thorsten Rarreck Schalkes Vereinsarzt. In der Zeit hat der Orthopäde den Fußball im Wandel erlebt – und mit ihm eine stete Zunahme der Verletzungen. Im Interview mit RevierSport verrät der dreifache Vater, was Spieler und Vereine zur Vorbeugung von Bündelriss und Co. tun können und was es gerade für junge Profis bei all den Verlockungen schwer macht, hundertprozentig professionell zu sein.

Thorsten Rarreck, ob Bayern München, Schalke 04 oder Borussia Dortmund: Alle genannten Vereine hatten in jüngster Vergangenheit schwer mit Verletzungen zu kämpfen, sodass teilweise eine ganze Elf ausgefallen ist: Ist die Wahrnehmung, dass sich die Zahl der verletzungsbedingt ausfallenden Fußballer unheimlich gehäuft hat, richtig? Oder ist das nur deshalb ein Riesenthema unter Experten und Fans, weil es durch die Medien immer stärker in die Öffentlichkeit transportiert wird?
Der Eindruck ist definitiv richtig. Studien der Fifa über Verletzungen in der Champions League belegen das. Es gibt eine eindeutige Zunahme der Verletzungen und auch der Länge der Ausfallzeit. Meine eigenen Aufzeichnungen aus den letzten 20 Jahren und Abgleiche mit Kollegen bestätigen das.

Insbesondere muskuläre und schwere Verletzungen wie Kreuzbandrisse fallen dabei auf.
Auch das ist so! Und was die Muskelverletzungen angeht, beobachten wir hier eine deutliche Zunahme der Schwere der Verletzungen. Früher waren Zerrungen oder Faserrisse an der Tagesordnung, heute sind es Bündel- oder sogar Sehnenrisse.

Woran liegt das?
Das hat sehr viele unterschiedliche Gründe. Zum einen: Inzwischen ist durch bildgebende Verfahren wie Kernspin die Diagnostik sehr viel besser geworden. Dadurch wird heute ein Bündelriss als solcher erkannt, der vor ein paar Jahren vielleicht noch unter dem Radar der Faserrisse lief. Zunächst müssen wir Sportverletzungen von Sportschäden unterscheiden. Bei letzteren handelt es sich um chronische Überlastungsreaktionen, die allerdings akut entgleisen können. Außerdem gibt es extrinsische, d.h. von außen einwirkende und intrinsische, vom Spieler selbst ausgehende Ursachen für Verletzungen und Schäden. Zuletzt gilt es, die Belastung und die individuelle Belastbarkeit zu differenzieren und zu analysieren.

Klären Sie uns bitte auf!
Verletzungen von außen, zum Beispiel durch Gegnereinwirkung, kann ja jeder Zuschauer im Stadion sehen. Um diese einzuschränken, wären Anpassungen im Regelwerk von Vorteil. Zum Beispiel würde ich Undinge wie den hohen Ellenbogen beim Kopfballduell, wodurch sich Nasen- oder Jochbeinbrüche gehäuft haben, strenger bestrafen und dafür ausnahmslos sofort Rot geben. Einfluss nehmen könnte man auch auf die Spielplangebung. Der Profi von heute absolviert durchschnittlich zehn Spiele mehr pro Saison. Seine Laufleistung hat pro Spiel um zwei bis drei Kilometer zugenommen, ebenso explosive Bewegungselemente mit entsprechender Verletzungsgefahr. Die Belastung spielt also eine Rolle, aber die können wir realistischerweise nicht ändern, weil zu viele Interessen – Fernsehen, Sponsoren, etc. – dem entgegenstehen.

Wo würden Sie also ansetzen?
Weil etwa 80 Prozent der Verletzungen andere, nämlich innere Ursachen haben, müssten wir im Fußball noch viel mehr Wert auf die drei Bereiche Ernährung inklusive evtl. gezielter Nahrungsergänzung, Trainingssteuerung und mentale Betreuung der Spieler legen. Der erste Schritt ist die Ernährung: Der Profi muss das für ihn richtige Verhältnis zwischen Makronährstoffen – also Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette unter Berücksichtigung der Gesamtkalorienzahl – sowie Mikronährstoffen – also Vitamine, Mineralien und Spurenelemente – kennen und auch berücksichtigen. Vereine wie Schalke sind da auf einem guten Weg und geben den Spielern Ernährungspläne an die Hand und in der Kabine wird gleich von Sternekoch Björn Freitag hochwertiges Essen angeboten. Der zweite Schritt ist dann die richtige Trainingssteuerung.

Wie kann die Trainingsarbeit verbessert werden, wenn der Stab schon fast so groß ist wie der Spielerkader?
Erstens muss die Diagnostik lückenlos sein, sodass über jeden Spieler eine umfangreiche Akte mit Daten zu seiner Vorgeschichte, seinen Leistungsparametern, zu Reha- und Trainingsmaßnahmen und seinem Ernährungsverhalten besteht. Was die Trainingssteuerung gerade nach Verletzungen angeht, ist dann die Frage: Wo hat der Spieler in den Bereichen Ausdauer, Kraft, Dehnbarkeit, Koordination, Schnelligkeit sein Optimum? Ist er schon bei 100 Prozent oder wie bringen wir ihn wieder dorthin? Das hat ja mit dem Fußball spielen direkt nichts zu tun, sondern ist immer eine Grundvoraussetzung für Hochleistungssport. Gerade dieser Bereich ist sehr aufwändig und genau da tun die meisten Vereine meiner Ansicht nach noch nicht genug. Schalke hat mit Ruwen Faller und Henrik Kuchno diesbezüglich exzellentes Fachpersonal. Aus meiner Sicht wären aber fünf, sechs spezialisierte Athletik- und Rehatrainer absolut sinnvoll, um die gewaltige Aufgabe der Prävention zu stemmen. Das ist letztendlich für die großen Klubs unter Berücksichtigung der sonstigen Personalkosten und des Einsparpotentials auch keine unangemessene finanzielle Belastung.

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