18.06.2007

Schalker Brüder: Marcel Neuer und Mesut Özil

Der eine ist Schiedsrichter, der andere kickt bei Heßler 06

Manuel Neuer und Mesut Özil haben eine Menge gemeinsam. Beide sind gebürtige Gelsenkirchener und die absoluten Shooting-Stars des FC Schalke 04. Während der Torhüter allerdings in seiner ersten Bundesliga-Saison schon den Durchbruch in der höchsten deutschen Spielklasse geschafft hat und die unumstrittene Nummer eins im S04-Kasten ist, muss der offensive Mittelfeldspieler noch um seinen Platz im Team kämpfen. Die zwei Youngster sind in Sportlerfamilien aufgewachsen, in denen zunächst ihr Talent und später der Wunsch nach einer Fußballer-Karriere stets gefördert wurden. Wenn die Namen Neuer und Özil auf den Sportplätzen im Revier fallen, dann hören aber seit knapp einem Jahr nicht nur Schalker genau hin.

Denn Marcel Neuer, ein Jahr und vier Monate älterer Bruder von Manuel, ist Schiedsrichter des Fußball-Kreises Gelsenkirchen. Und Mutlu Özil, fast vier Lenze älter als Mesut, spielt beim Gelsenkirchener Bezirksligisten Heßler 06. "Wir sind insgesamt vier Geschwister, unsere Schwestern Duygu (10, der Verf.) und Nese (17) sind die jüngsten in der Familie", erklärt der 22-Jährige.
[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/000/175-177_preview.jpeg Manuel Neuer (Foto: firo).[/imgbox]
Zu sechst, mit Vater Mustafa und Mutter Gülizar, bewohnen sie gemeinsam eine Mietwohnung in Buer. Das erinnert an die Altintops, die erst vor einigen Monaten ihre schlichte Bude am Gelsenkirchener Hauptbahnhof für ein geräumiges Haus am Stadtgarten verließen. Auch Mesut will nun einen Teil seines Profigehalts für ein Haus, in der die gesamte Familie genug Platz hat, investieren.

Dessen plötzliche Prominenz spürt Mutlu sonntags vor allem bei Auswärtsspielen, die nicht in Gelsenkirchen stattfinden. "Wenn der Stadionsprecher den Namen Özil durchsagt, dann guckt der eine oder andere Zuschauer schon mal und bei den gegnerischen Mannschaften ist Respekt da", berichtet der junge Mann, der bei Heßler oft die "Zehn" tragen darf.. Seit fünf Jahren spielt er bei dem Heimatverein von Norbert Nigbur und Günther "Ille" Karnhof. Auch jetzt, nach Ablauf der Saison, hat er keine Absichten, den für seine familiären Strukturen bekannten Verein zu verlassen. "Mit vier Jahren habe ich das Fußball spielen gelernt, das war bei Westfalia 04, wo auch Mesut angefangen hat. Später sind wir zu Teutonia Schalke gegangen, aber wegen unseres Altersunterschieds haben wir nur einmal zusammen in einer Mannschaft gespielt, das war in der C-Jugend."

Sein Talent reichte nicht, um an eine Zukunft im Profi-Fußball zu denken. Mutlu verdient seine Brötchen als Einzelhandels-Kaufmann im Spielzeugladen "Toys 'r' us". Auch bei Mesut machte die Karriere erst kurz vor dem 18. Geburtstag einen Steilflug. Über den Umweg Falke Gelsenkirchen landete er im Jahr 2000 bei Rot-Weiss Essen, für Schalke reichte es erst in der A-Jugend, wo er 2006 Deutscher Meister und mit einem Profivertrag ausgestattet wurde. "Ich habe immer gewusst, dass er mal so gut wird", ist Mutlu stolz auf seinen Bruder, dem er bei den Heimspielen in der Veltins-Arena aus dem "Blauen Salon" aus zuschaut.

"Früher war ich Dortmund-Fan, aber seit Mesut für Schalke spielt, schlägt mein Herz für Schalke", lacht Mutlu, der auch bei einer anderen Herzensangelegenheit seinem Bruder zustimmt. Denn Mesut hat sich trotz ständigen Werbens der Verantwortlichen des türkischen Fußball-Verbandes für die deutsche National-Mannschaft entschieden. Wenn vom 16. bis zum 27. Juli in Österreich die U19-EM ausgespielt wird, läuft er mit dem Adler auf der Brust auf. "Wir sind hier geboren und Deutsche. Daher ist es klar, dass Mesut für die DFB-Auswahl spielt", nickt Mutlu. Özil gehört zur dritten Generation türkischer Einwanderer, die sich gegen das Heimatland ihrer Eltern und für ihr Geburtsland entschieden haben. Das war bei den Altintops, die sechs Jahre älter als Mesut sind, noch anders.

Dem Fußball eng verbunden und doch einen gänzlich anderen Weg als sein Bruder Manuel einschlagend, trägt sich Marcel Neuer mit dem auf den Plätzen mittlerweile bekannten Namen Neuer. Der bald 23-Jährige ist einer von fünf 25 Referees im Perspektivteam des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW), fünf davon kommen, wie er, aus Gelsenkirchen.

Gemeinsam im Haus der Großeltern in Gelsenkirchen-Buer aufgewachsen, besuchten die beiden Geschwister zunächst die Urbanus-Grundschule, ehe Marcel auf dem Leibnitz-Gymnasium sein Abitur bastelte und Manuel auf der Gesamtschule Berger Feld, der Schalker Partnerschule, seine schulische mit der Fußballer-Ausbildung verknüpfte. "Als ich mit dem Fußball anfing, war ich auch bei der SSV Buer und beim SC Hassel gucken, aber eigentlich wollte ich sofort zu Schalke", war für Manuel bald klar, wohin ihn der Weg führen sollte. "Ich bin stolz darauf, was er geschafft hat. Er ist ja Jahre lang immer nur zum Sport gegangen und war sehr ehrgeizig, nun ist er für seine Bemühungen belohnt worden", freut sich Marcel. "Zwischen uns hat sich sonst eigentlich nicht viel geändert, außer dass ich ihn nun etwas seltener als vorher sehe. Er kommt mal vorbei oder ich zu ihm."

Er selbst entschloss sich indes schon mit 15 Lenzen, Schiedsrichter zu werden. "Ich bin leider nicht mit diesem Talent wie Manuel gesegnet, obwohl ich mich schon als durchaus sportlich bezeichnen würde", erklärt der Student. "Ich habe neben Fußball, da spiele ich auch in einer Hobby-Mannschaft, viele Dinge angefangen, zum Beispiel Schwimmen und Judo. Ich war aber nie im Verein, dafür war ich nicht gut genug."
An der Pfeife ist er hingegen langsam auf dem Weg nach oben. Im nächsten Jahr darf Marcel Spiele in der Landesliga leiten. Wenn er seine Leistungen bringt, geht es Jahr für Jahr eine Spielklasse nach oben. "Langfristig ist es natürlich mein Ziel, in der Bundesliga zu pfeifen, aber das ist ein ganz weiter Weg", sieht er sich nicht als Überflieger à la Michael Kempter, der mit seinen 24 Jahren der mit Abstand jüngste Bundesliga-Referee ist.
[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/001/268-1285_preview.jpeg Mesut Özil (Foto: firo). [/imgbox]
Dass er in vielleicht zehn Jahren einmal eine Partie leitet, in der er Bruder Manuel auf dem Platz die Regeln erklären muss, ist daher äußerst unwahrscheinlich - nicht nur, weil die Partien ohnehin neutral angesetzt werden. Schon jetzt aber "merken sich auf den Sportplätzen die Spieler und Trainer meinen Namen eher, denn ich stelle mich vor den Spielen ja kurz vor. Dann rufen Sie nicht wie vorher 'Schiri', sondern: zum Beispiel 'Herr Neuer, wir wollen jetzt auswechseln'. Damit kann ich sehr gut leben, das ist kein Problem", sagt Marcel.

Wenn im August die nächste Bundesliga-Saison beginnt, wird er wieder bei möglichst jedem Heimspiel in der Arena sein. Nicht wie Mutlu Özil im "Blauen Salon", der den Angehörigen der Spieler vorbehalten ist, sondern "in Block N3. Ich habe eine Dauerkarte für die Nordkurve, die habe ich mir zur Eröffnung der Arena mit ein paar Schiedsrichterkollegen geholt, inzwischen sind wir aber nur zu zweit, die regelmäßig ins Stadion gehen. Da meine Spiele inzwischen meistens sonntags sind, passt das wunderbar."

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