Michael Welling

"Kein Fußbreit den Faschisten!"

21. Oktober 2013, 21:12 Uhr

Michael Welling nahm sich Zeit für ein ausführliches Interview: Über sportliche Enttäuschung, vor allem aber den Zwischenfall beim Fanprojekt und seine Folgen.

Michael Welling, zunächst zum Sportlichen. 1:1 gegen Lippstadt: Was macht das mit Ihnen?
Das ist einfach nur frustrierend. Als Zuschauer, als Fan, der hier sitzt und der man ja auch ist, ist das genauso frustrierend wie als Verantwortlicher. Es war einfach nicht das, was wir erwarten. Das haben wir jetzt schon mehrfach gesagt und es war am Samstag leider wieder so. Wir führen mit 1:0, bekommen in der 80. Minuten zu Hause durch einen Konter ein Gegentor und müssen in der letzten Minute glücklich sein, dass die uns nicht noch das 2:1 reinmachen. Das ist mir unverständlich.

Die Zwischenüberschrift dieser Saison ist inzwischen Stagnation, oder?
Ich weiß nicht, ob das Stagnation ist oder ob das nicht bereits ein Rückschritt ist. Wir sind komplett hinter den Erwartungen, hinter unseren Ansprüchen. Das ist so. Die Leistung gegen Lippstadt war nicht das, was wir erwarten. Das ist schlecht und das ist den Leuten gegenüber nicht darzustellen. Die Leute kommen immer noch in Scharen, feuern die Mannschaft positiv an und dann liefern wir sowas hier ab. Wir haben gegen Aachen gewonnen und sonst kein anderes Spiel zuhause, haben gegen drei Aufsteiger zuhause nur drei Mal Unentschieden gespielt. Gerade so ein Spiel wie am Samstag müsste man mit unseren Ansprüchen nicht nur locker nach Hause spielen, sondern irgendwann das zweite Tor machen. Wenn man das mal nicht schafft – o.k., aber ständig ist das einfach frustrierend. Aber wir haben ja hinten gewackelt, wir haben im Mittelfeld keinen Zugriff gekriegt, wir haben vorne noch mal ab und an durch individuelle Klasse etwas gerissen. Ansonsten war das einfach viel, viel zu wenig.

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Das muss Ihnen doch auch vorkommen wie ein Déjà-vu, oder?
Wir wiederholen das ja, das ist in der Tat das Traurige dabei. Es ist ja nicht so, dass wir nach jedem Spiel komplett andere Dinge kommentieren müssten. Das ist traurig und tut auch weh.

Welche Handhabe haben Sie jetzt überhaupt noch, oder müssen Sie das schlichtweg tatenlos über sich ergehen lassen?
Ich weiß nicht, welche Handhabe man nun hat. Man muss auf allen Ebenen versuchen, etwas zu tun. Man muss weiterarbeiten, überlegen, welche Impulse man setzen kann, wie pusht man das Ganze in die Richtung, in die wir wollen? Wenn man sagt, dass man keine Handhabe hat, würde man ja resignieren. Das geht nicht.

Aber ein passendes Werkzeug haben Sie derzeit auch nicht zur Hand, oder?
Man hat ganz viele Werkzeuge. Nur sind die Werkzeuge irgendwann stumpf. Wenn wir über das erste oder zweite Saisonspiel reden würden, wäre der Werkzeugkasten noch etwas größer. Er wird im Laufe der Saison aber einfach stumpfer. Wir haben in den letzten Wochen ja schon viele Werkzeuge genutzt und es ist einiges passiert: Zuletzt haben wir zwei Spiele gewonnen, haben dabei in Kray auch überzeugt und dann gegen Lippstadt wieder so eine indiskutable Leistung? Dabei haben wir nicht unbedingt die großen personellen Probleme. Wir haben zwar einige Verletzte, aber wir sind am Samstag mit einer Truppe aufgelaufen, bei der wir den Anspruch haben müssen, im oberen Feld der Regionalliga mitzuspielen. Mit dieser breiten Brust müssten wir hier rumlaufen, auch wenn wir Verletzte haben, zum Beispiel wenn wir einen [person=2006]Benedikt Koep[/person] nicht auf der Bank gehabt haben, oder, oder, oder. Aber das ist einfach nicht relevant. Da sind genügend Leute, die den Anspruch haben, auch in der Regionalliga oben mitzuspielen und deswegen ist das halt enttäuschend.

Einige Dauerkartenbesitzer wollen ihre Dauerkarte bereits an die Geschäftsstelle zurückgeschickt haben. Ist bei Ihnen schon entsprechende Post eingegangen?
Das ist mir nicht bewusst, nun war ich aber auch zwei Wochen im Urlaub. Was wir aber mal feststellen ist, dass Leute das im Internet ankündigen, das aber dann doch nicht machen. Wer das macht, dokumentiert damit natürlich, dass er unzufrieden ist. Die Unzufriedenheit ist verständlich, daher bräuchte man das so auch nicht dokumentieren. Da soll man lieber die Karte an andere Leute oder soziale Einrichtungen weitergeben.

Kommen wir mal zum Nicht-Sportlichen. Für die Allermeisten kam der Vorfall beim Fanprojekt am Mittwoch doch ziemlich überraschend, da sich in der Kurve bislang niemand abgezeichnet hat, dass Rot-Weiss Essen ein Problem mit rechten Fans hat. Zumindest dem Fanprojekt waren die Leute aber bekannt, oder?
Wenn das Fanprojekt die nicht kennen würde, würde es seine Arbeit nicht machen. Es ist tatsächlich so, dass die sich durch pure körperliche Präsenz als Chef der Kurve positionieren. Das ist ja auch im Grunde das, was am Mittwoch passiert ist. Das ist nicht akzeptabel, das ist doch völlig klar. Da geht es im ersten Schritt tatsächlich gar nicht darum, was da für ein Film gezeigt wird, was der Rahmen ist, wer Veranstalter ist, wer nicht Veranstalter ist. Es ist einfach nicht zu respektieren, dass irgendwelche selbsternannten Leute definieren, was hier passiert und mit körperlicher Präsenz ihre Auffassung durchdrücken wollen. Das ist nicht akzeptabel.

RWE hatte in ferner Vergangenheit mal Probleme mit derart gesinnten Fans. War es Ihnen bekannt, dass nun plötzlich wieder Rechte in der Kurve aktiv sind?
Es ist insbesondere durch die wirklich gute Arbeit des Fanprojekts tatsächlich so, dass sich hier in den letzten 10, 15 Jahren alles sehr stark gewandelt hat. Das muss man einfach mal unterstreichen. Ich war vor 10, 15 Jahren zwar nicht dabei, aber da gab es hier wohl ein ganz massives Problem. Durch die Arbeit, nicht nur des Fanprojektes, sondern vieler anderer Gruppen, die daran mitgewirkt haben, vieler Fans selbst, ist das inzwischen komplett aus dem Stadion verdrängt worden. Wenn sogar schon die Polizei davon spricht, dass es keine bekannten rechten Gruppen bei Rot-Weiss Essen gibt, dann ist das glaube ich der beste Leumund, den man in diesem Fall bekommen kann. Dass es Einzelne gibt, die hier auch mit anderem Gedankengut ins Stadion gehen, das ist so. Da ist unser Problem nicht kleiner oder größer, als es in anderen Stadien der Fall ist. Das macht es zwar nicht besser, aber man muss bei der Beurteilung den Kontext sehen. Was hier die neue Dimension ist: Dass sich einzelne Leute positionieren, um sich so massiv durch Präsenz zu positionieren, das ist nicht zu akzeptieren. Dabei ist es dann ehrlicherweise auch egal, ob diese Leute aus einem linken oder einem rechten extremen Spektrum kommen. Es geht nicht, dass sich Leute als Sheriffs der Kurve positionieren und glauben, weil sie größere Arme haben, andere einzuschüchtern. Das ist überraschend gewesen. Vor kurzem haben wir noch eine Lesung von Ronny Blaschke "Angriff von Rechtsaußen" hier gehabt, wir haben insbesondere beim Spiel gegen Fortuna Köln die Respektmeile ins Stadion verlängert. Wir haben als Verein viele Aktionen in dieser Richtung gehabt, aber genauso auch das Fanprojekt. Wir haben mit "Kick out Racism" im Goalfever eine traditionelle Veranstaltung. Also wir sind da sehr engagiert, sowohl das Fanprojekt als auch wir. Nicht nur durch irgendwelche Stellungnahmen, wie sie jetzt leider notwendig geworden sind, sondern eben durch sehr massive Arbeit in der Sache selbst. Und dass da so einige Wenige durch diese Aktion am Mittwoch den Verein in Gänze in die rechte Szene drücken, indem diese einen aufklärerischen Film über Naziaktivitäten verhindern, das ist nicht zu akzeptieren und das toleriert glaube ich auch niemand."

Wenn Sie davon sprechen, dass sich die Fans als "Sheriffs der Kurve" präsentieren, heißt das, dass die Jungs also auch im Stadion eine Rolle spielen?
Ich kann es ehrlicherweise nicht genau sagen. Aber wie die Kollegen des Fanprojekts darlegen, sind das auch Leute, die sich um das Stadion herum positionieren. Wie die Störer selbst gesagt haben, sind das Kategorie-C-Fans. Allein sich so zu betiteln und sich selbst mit stolz geschwellter Brust hinzustellen und zu sagen: 'Wir sind Kategorie-C-Fans', das deutet ja auf vieles hin, insbesondere aber nicht auf einen besonders großen Intellekt. Da sind eben einige bei, die sagen: 'Hier bin ich und ich habe hier mehr zu sagen als andere'.

Es handelt sich aber nicht um eine organisierte Fangruppierung, oder?
Das weiß ich nicht. Ich war am Mittwoch nicht dabei, es sind einzelne Personen gewesen. Inwieweit die organisiert sind, weiß ich nicht, daher muss man eben auch differenzieren und hinterfragen, ob alle, die dort aufgetreten sind, die gleiche Motivation bei Ihrer Aktion hatten oder ob es ganz unterschiedliche individuelle Beweggründe gab, den Film zu verhindern. Das macht es nicht besser und in der Konsequenz noch immer inakzeptabel, aber um zu verstehen, was passiert ist und warum das passiert ist, muss man dort genau hinschauen. Hier wird das Fanprojekt sicherlich sehr aktiv sein und Gespräche führen.

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