23.02.2013

Kinhöfer im Interview

„Der Schiedsrichter ist das schwächste Glied“

Pfiffe, Bedrohungen und ständige Kritik – der Job als Schiedsrichter erscheint nicht besonders attraktiv. „Ist er aber doch“, betont Thorsten Kinhöfer.

Er ist einer von denen, die besonders häufig im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik stehen. Warum er trotz der vielen Angriffe ein Unparteiischer aus Leidenschaft ist, verrät er im Interview.

Thorsten Kinhöfer, muss man als Schiedsrichter ein Masochist sein?

Vielleicht ist das so. Ich gehe aber natürlich nicht ins Spiel und denke: „Hoffentlich beschimpfen mich heute wieder die Zuschauer.“
[infobox-right]Zur Person Thorsten Kinhöfer (* 27. Juni 1968 in Wanne-Eickel) ist seit 1994 DFB-Schiedsrichter. Sein Zweitligadebüt feierte er 1997, 2001 folgte der Aufstieg in die Bundesliga. Seit 2006 ist Kinhöfer zudem FIFA-Schiedsrichter. Darüber hinaus leitete er bereits Ligaspiele in Korea, Saudi-Arabien und Katar. Sein bisheriges Karriere-Highlight ist das DFB-Pokalfinale 2010 zwischen Bayern München und Werder Bremen. Hauptberuflich ist Kinhöfer als Leiter Controlling bei den Stadtwerken Herne tätig.[/infobox]
Dennoch müssen Sie vor jeder Partie davon ausgehen, am Ende kritisiert zu werden.

Wenn ein Spieler einen entscheidenden Elfmeter verschießt, wird er von seinen Mitspielern in den Arm genommen und vom Trainer getröstet. Wenn ein Schiedsrichter aber einen berechtigten Elfmeter nicht gibt, wird er zum Buhmann abgestempelt und häufig völlig überzogen kritisiert. Damit muss man umgehen. Das ist ungerecht. Aber wo gibt es Gerechtigkeit im Leben?

Inwiefern muss man als Schiedsrichter eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen?

Die braucht man unbedingt. Man wird nie gefeiert. Der größte Erfolg ist, keine Fehler zu machen und nicht aufzufallen. Da kommt keiner und sagt: „Mensch, du hast heute sieben richtig tolle Entscheidungen getroffen.“
Was hat Sie angetrieben, Schiedsrichter zu werden?

Kurioserweise die Tatsache, dass ich von Haus aus ein Gerechtigkeitsfanatiker bin. Als Spieler hatte ich mit Schiedsrichtern zu tun, von denen ich mich ungerecht behandelt fühlte. Das wollte ich besser machen. Und ganz nebenbei konnte ich mir ein bisschen was zum Taschengeld dazuverdienen.

Wann fing das an?

Mit 16 habe ich meine Schiedsrichterprüfung gemacht und meine ersten Meriten in der F- und E-Jugend gesammelt. Es war ein Lernprozess, sich dort durchzusetzen.

Was meinen Sie?

Da hat man nicht mit Fans zu kämpfen, mit den Spielern beziehungsweise den Kindern schon gar nicht. Aber man hat mit Oma, Opa, Mama, Papa, Tante und Onkel zu tun, die ihren Sprössling schon als kommenden Nationalspieler sehen. Und die sind wirklich immer auf Ballhöhe (lacht).

Waren Sie eigentlich auch als Spieler auf Ballhöhe?

Ja, als Torwart beim SV Holsterhausen und beim DSC Wanne-Eickel. Als Minderjähriger konnte ich samstags Jugendspiele pfeifen und sonntags in der B- bzw. A-Jgd. selbst spielen. Als ich aus der A-Jugend herauskam, stand ich vor der Entscheidung: „15 Uhr Kreisliga spielen oder 15 Uhr Kreisliga pfeifen?“ Das war eine große Gewissensfrage für mich.

Was gab den Ausschlag für die Schiedsrichterei?

Als Kind hatte ich eine Ellbogenfraktur und nach zehn Jahren als Torwart auf Ascheplätzen hatte ich auch schon Knieprobleme. Also habe ich mich entschieden, mich auf den Job des Schiedsrichters zu konzentrieren. Wenn das nicht geklappt hätte, dann hätte ich mit 22, 23 Jahren auch wieder Fußball spielen können. Wenn ich aber fünf, sechs Jahre nur gespielt hätte, dann wäre mir die Schiedsrichterkarriere verbaut gewesen. Insofern habe ich damals die richtige Entscheidung getroffen.

Auf Seite 2: "Die Aggression des Alltags wird auf den Fußball übertragen"

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