12.05.2012

Der ewige Borusse

BVB-Mitglied seit 84 Jahren

Als Sebastian Kehl vor einer Woche die Schale in die Luft reckte, verdrückte sich Alois Scheffler zu Hause in Dortmund-Wambel vor Rührung ein Tränchen.

Den Besuch im Stadion hat er sich wohlweislich verkniffen. „Das war mir zu viel Durcheinander. Diese Aufregung kann ich nicht mehr so gut vertragen“, ließ Scheffler Vernunft und nicht das Herz sprechen. Und doch war die Titelverteidigung auch - oder gerade - für ihn ein ganz besonderer Moment.

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Denn er ist nicht irgendein Borusse, sondern der ewige. Der Architekt hat alle acht Meisterschaften des Vereins miterlebt – und noch viel mehr. Denn der 1915 in Preußen geborene Anhänger der Schwarz-Gelben ist seit 84 Jahren Mitglied beim BVB. So lange, wie kein anderer. Und er ist der einzige Träger des Goldenen Siegelringes für 75 Jahre Vereinstreue.

Die letzten Wochen haben ihn geschlaucht. Ein Termin in der „11-Freunde-Bar“ in Essen, ein Besuch vor laufender Kamera bei den Journalistik-Studenten der Technischen Universität in Dortmund, Gespräche mit der lokalen Presse. Das Gezerre der Medien um interessante Geschichten über den BVB vor der erfolgreichen Titelverteidigung hat seinen Tribut gefordert.

„Aki“ Watzke kümmert sich um einen bequemeren Sitzplatz
Bislang hat Scheffler die Presseanfragen gerne bedient. Doch nun benötigt das Dortmunder Urgestein Ruhe. „Ich bin inzwischen 97 Jahre alt. Das ist mir alles zu viel geworden“, bittet der Senior der BVB-Vereinsfamilie um Verständnis dafür, dass er in Zukunft aus Sorge um die eigene Verfassung etwas kürzer treten muss.

Dabei kennt und liebt Scheffler das Spiel mit der Öffentlichkeit. Von 1968 bis 1995 war er Vorsitzender des BVB-Ältestenrates. Seitdem gehört er dem Gremium als Ehrenvorsitzender an. Jahrzehntelang durfte keine Jahreshauptversammlung des BVB zu Ende gehen, ohne dass Scheffler aus voller Kehle das Vereinslied „Wir halten treu und fest zusammen“ anstimmte. Als wandelndes Geschichtsbuch stand und steht er der BVB-Vereinsfamilie immer wieder gerne zur Verfügung.

Ohnehin darf es als besondere Gabe Gottes gewertet werden, dass der Jahrhundert-Fan noch die Spiele seiner Borussia besuchen kann. Zumindest nachmittags und im Sommer geht er noch gerne ins Stadion. Auf die Abendspiele muss er mit Rücksicht auf seine Gesundheit inzwischen leider verzichten.

Damit Scheffler seiner Borussia noch lange erhalten bleibt, will ihm BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke für die neue Saison einen bequemeren Sitzplatz besorgen. Das lange Sitzen in den engen Reihen bereitet ihm nach zwei Knie-Operationen Probleme. Seiner Liebe zum BVB tut das aber keinen Abbruch.
Wer seit 1928 mit seinem Verein durch dick und dünn gegangen ist, den kann eben so schnell nichts erschüttern.

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1925 zog Scheffler mit seinen Eltern aus Westpreußen nach Dortmund. Nach der Umsiedlung bezog die Familie in Dortmund eine Wohnung am Borsigplatz direkt neben der Dreifaltigkeitskirche. „Bereits als Kinder sind wir, ohne zu bezahlen, unter den Zäunen ins Stadion gekrochen und haben uns die Spiele der ersten Mannschaft angeschaut. Nach drei Jahren hatte ich meine Eltern soweit, dass sie mich beim BVB angemeldet haben“, verriet Scheffler neulich den Nachwuchs-Journalisten des TV-Lern-Senders NRWvision in einem Video-Interview.

Scheffler ist einer der letzten Zeitzeugen, die selbst noch auf der legendären „Weißen Wiese“, der ersten Spielstätte des BVB, gekickt haben. Von 1928 bis 1934 hat Scheffler dort das schwarz-gelbe Trikot getragen. 1934 gewann er mit seinem Verein die Kreisjugendmeisterschaft. „Und wenn man einmal Borusse ist, dann bleibt man das ein Leben lang“, erklärt er inbrünstig.

Scheffler ist fast den ganzen Weg des BVB mitgegangen. Und ist vielleicht gerade deshalb etwas demütiger als andere. „Vereine wie Dortmund 08 oder der Hörder SC hatten damals schon ihre eigenen Vereinsgelände, wir hatten nur die durch die Stadt angemietete Weiße Wiese am Rande des Hoesch-Geländes“, erinnert er sich. Dann habe der Verein das Glück gehabt, mit August Lenz einen Nationalspieler herauszubringen, der die Entwicklung erst möglich gemacht habe.

Mit beinahe 100 Jahren ist Scheffler mit sich und seinem Leben im Reinen. Wäre da nicht diese eine verbliebene Narbe. Warum die Vereinsmitglieder unbedingt wieder die von ihm vor zehn Jahren in „Hipp, hipp, hurra! Borussia!“ umgedichtete Originalstrophe des BVB-Vereinsliedes zurückhaben wollten, kann er bis heute nicht verstehen. Schließlich sei diese Passage des 1934 getexteten Vereinsliedes für ihn ein Kniefall vor dem Nationalsozialismus gewesen. Drei Jahre hatte seine Version Bestand. Seitdem heißt es in Dortmund wieder: „Ball-Heil-Hurra! Borussia!“

Stolz will er darauf nicht sein. Auf seinen BVB und die achte Deutsche Meisterschaft hingegen schon.

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