02.02.2010

Ex-Profi: Leukämie

"Die Diagnose hat mich schwer getroffen"

Seit Wolfgang Patzke vor 19 Jahren die aktive Fußballbühne verlassen hat, ist viel passiert. 2006 ändert ein Arztbesuch alles in seinem bisherigen Leben.

Wolfgang Patzke ist ein Kind des Ruhrgebiets – aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr, 194 Erst- und Zweitligaspiele als Fußballprofi bei RWE, Wattenscheid, Bochum und Schalke. Aber hängen geblieben ist er ausgerechnet dort, wo er die letzten drei Jahre seiner Karriere verbracht hat: in Berlin.

„Berlin war eigentlich immer nur als Zwischenstation geplant. Meine Frau und ich wollten maximal zwei Jahre hier bleiben.“ Das war 1988. „Uns hat es einfach so gut gefallen, dass wir hier hängen geblieben sind“, erklärt der ehemalige Mittelfeldspieler.
Trotz der neu gefundenen Liebe zur Hauptstadt hängt Patzkes Herz natürlich immer noch ein Stück am Revier. „Schon wegen meiner Familie bin ich auch heute noch ein paar Mal im Jahr in Mülheim“, erzählt er. Und was ist mit Fußball? Interessiert ihn noch, wie es seinen ehemaligen Vereinen heute ergeht?
[infobox-right]Zur Person
Wolfgang Patzke, geboren am 24.02.1959.
Vereine: 1976-1979 RW Essen
1979-1981 Wattenscheid 09
1981-1983 VfL Bochum
1983-1987 Bayer Leverkusen
1987-1988 Schalke 04
1988-1991 Hertha BSC[/infobox]
„Natürlich schau ich noch auf Schalke und vor allem auf Bochum, weil ich da eine wirklich tolle Zeit hatte. Auch die Situation in Essen verfolge ich... da sieht es ja leider gerade nicht so super aus“, stellt der heute 51jährige etwas resigniert fest. „Aber im Moment drücke ich besonders der Hertha die Daumen“, gibt er zu. „Wenn man sich anschaut, dass sie letzte Saison Meister hätten werden können und jetzt da unten fest hängen – das ist schon bitter. Beim VfL kennt man das ja schon eher, da bin ich es gewohnt, dass es eng wird“, fügt er lächelnd hinzu.

Doch Fußball ist für Wolfgang Patzke schon längst kein Alltagsgeschäft mehr. Stattdessen wird sein Leben seit Oktober 2006 von regelmäßigen Arztbesuchen und Chemotherapien bestimmt. Denn Patzke leidet an Leukämie. „Am Anfang war das schon hart. So eine Diagnose trifft einen natürlich schwer“, erinnert er sich. „Mittlerweile habe ich gelernt, damit zu leben und ich bin auch nicht bereit, aufzugeben. Außerdem geht es mir im Moment sehr gut, ich habe kaum Beschwerden“, erzählt Patzke hoffnungsvoll. Doch wie lange das so bleibt, ist ungewiss. „Ich leide unter chronischer Leukämie, das heißt, es ist zwar behandelbar, wenn ich aber, wie letztes Jahr, acht Mal zur Chemo muss, dann ist das schon hart.“

Hinzu kommt, dass er seit Januar 2007 darum kämpft, seine Rente zu bekommen. „Mittlerweile habe ich einen Anwalt, der sich darum kümmert. Ich kann nur noch abwarten und hoffen, dass da endlich etwas in Bewegung kommt. Ich weiß selbst nicht, woran es im Moment noch scheitert. Ich versuche aber auch, nicht zu oft darüber nach zu denken.“

Wolfgang Patzke hat also viel Zeit- zu viel Zeit, nach seinem Geschmack. Dabei hatte er sich nach seiner aktiven Zeit so viel vorgenommen. Nachdem er 1990 seine Karriere bei Hertha BSC als Sportinvalide beenden musste, eröffnete er zusammen mit seinem Kollegen Michael Jakobs, ehemaliger Abwehrspieler bei Wattenscheid, Bochum und Schalke, das ambulante Reha-Zentrum, ‚reha Berlin’. Jakobs kennt er seit Kindertagen, kickte mit ihm nicht nur in der Bundeswehrauswahl, sondern auch insgesamt sieben Jahre bei den drei Ruhrgebiets-Vereinen. Beide beendeten ihre Karriere in Berlin.

„Das war das erste Zentrum dieser Art in Berlin“, erinnert sich Patzke. „Wir hatten alle nötigen Verträge und konnten jeden behandeln – Kassenpatienten, Privatversicherte und Patienten, die von der Berufsgenossenschaft geschickt worden waren.“ In erster Linie kümmerten sich Patzke und Jakobs um Fußballer, doch auch Eishockey-Spieler und Ottonormal-Verbraucher fanden ihren Weg zu den Ex-Fußballern.

Acht Jahre führten die zwei das Reha-Zentrum, bis sie es verkaufen mussten. „Die Auflagen wurden immer strenger und die Kosten höher. Das hat dazu geführt, dass wir das nicht weitermachen konnten“, bedauert Patzke den Verkauf.
Doch der gebürtige Mülheimer hatte sich längst ein neues Standbein geschaffen. „1998 habe ich meine eigene Kneipe, die Gaststätte ‚Zur Quelle’ eröffnet. Der Fokus lag natürlich auf Fußball“, erklärt Patzke. „Wir waren eine offizielle ‚Premiere Sportsbar‘, an Spieltagen war es immer richtig voll.“

Ende 2005 musste Patzke auch das aufgeben. „Mir ging es immer öfter nicht gut und ich konnte die Kneipe nicht weiter führen. Ein Jahr später erhielt er die Diagnose Leukämie. „Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich keinen Acht-Stunden-Job mehr ausführen kann. Mein Immunsystem ist so stark angegriffen, ich liege mindestens zweimal im Jahr mit einer heftigen Bronchitis im Bett, dann geht nichts mehr“, berichtet er. „Ich nehme zwar seit einem Jahr keine Tabletten mehr, aber ich merke, wie vor allem die extreme Müdigkeit mich immer wieder übermannt. Da kann man dann keinem normalen Beruf mehr nachgehen.“

Doch Resignation kennt Patzke trotz allem nicht. „Aufgeben war schon als Spieler nie mein Ding. Auch wenn meine Lebenserwartung bei nur zehn bis 15 Jahren liegt - ich werde weiter kämpfen, so schwer es manchmal auch ist.“

Autor: Maik Thesing/Steffie Zwaagstra

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