Extra-Kick Ramadan?
Vom 21. August bis 19. September 2009 werden sich viele Fußballer im Revier etwas kraftloser fühlen als sonst. Zumindest, wenn sie gläubige Muslime sind.
Und als solche im Fastenmonat Ramadan nur zur Dunkelheit Nahrung zu sich nehmen. Übersetzt werden kann der Begriff mit „Sommerhitze“. Ob im übertragenen Sinn damit jedoch das körperliche Verzichtsgefühl oder das „Ausbrennen der Sünden“ gemeint ist, ist Ansichtssache. Bis zum 19. September sind alle gläubigen Muslime aufgerufen, zu fasten. Damit ist nicht nur der Verzicht auf Essen und Trinken gemeint, sondern auch eine „innere Einkehr“, die auch darin bestehen kann, weniger zu sprechen oder auf bestimmte Annehmlichkeiten des Alltags zu verzichten, zum Beispiel den TV-Konsum einzuschränken.
Dr. Joachim Schubert, Sportmediziner aus Bochum, sieht kaum Vereinbarkeit von Ramadan und Fußball:
„Das ist sehr problematisch. Es ist weniger die feste Nahrung, sondern vielmehr die fehlende Flüssigkeit, die den Leistungssport beeinflusst. Durch viel Essen morgens und abends lässt sich der Verzicht tagsüber kompensieren. Aber während einer längeren Sporteinheit nichts zu trinken, beeinträchtigt zum einem die Leistung und kann zum anderen gesundheitliche Komplikationen hervorrufen. Man sollte pro Stunde Leistungssport einen bis zwei Liter Wasser zusätzlich zu sich nehmen“, gibt der Experte zu bedenken.
Der Sportarzt sieht folgende Gefahren: „Es kann zu erheblichen Kreislaufproblemen bis hin zum Kreislaufzusammenbruch führen, die Nierenfunktion kann beeinträchtigt und das Immunsystem geschwächt werden, der Sportler ist anfälliger für Infektionskrankheiten.“ Schubert rät deshalb zum „Entweder oder“: „Ich kann nur jedem raten, der sich an den Ramadan halten möchte, auf längere sportliche Einheiten – dazu zählt ein 90-minütiges Fußballspiel – zu verzichten. Dieses Gebot der Religion und Sport passen nicht zusammen. Als Mannschaftsarzt würde ich einen Profisportler, der sich an den Ramadan hält, aus dem Spielgeschehen rausnehmen.“
Länge und Zeitpunkt des Ramadans können allerdings variieren, die Mondphasen bestimmen den genauen Termin. Entscheidend für die tägliche Fastendauer sind die Tageszeiten: Von Sonnenaufgang bis -untergang ist demnach untersagt, weder flüssige, noch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Zumindest, wenn man den maßgeblichen Koranvers streng auslegt: „Esst und trinkt, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden könnt“, ist die Regel des Koranverses 187 der zweiten Sure. Der Vers 183 der gleichen Sure ist es, der den neunten Monat des muslimischen Kalenders als Fastenmonat Ramadan bestimmt.
Genaueres wird nicht im Koran selbst bestimmt, sondern in anderen religiösen Schriften, wie dem Hadith Abu Dawud, Buch 13: „Der Monat besteht aus 29 Tagen. Fastet erst, wenn ihr die Mondsichel (hilal) seht, und brecht das Fasten erst, wenn ihr sie wieder seht.“
Während der Zeitpunkt des Fastenbrechens also recht genau zu bestimmen ist, gehen die Meinungen über Ausnahmeregelungen der Pflicht auseinander. So gilt im Allgemeinen, dass bei körperlicher Belastung durch harte Arbeit oder Krankheit eine Ausnahme gemacht werden kann. Inwiefern sich auch Fußballer auf dieses Privileg berufen können ist jedoch, wie bei vielen Regeln des Islams, Auslegungssache.
Viele Aktive beschränken sich darauf, nur außerhalb von den Spiel- oder Trainingszeiten zu fasten. Oder die ausgelassenen Tage später nachzuholen. Rigoroser ist Abdul Haimami, Mittelfeldspieler beim Landesligisten SG Schönebeck. Er verzichtet tagsüber komplett auf Essen und Trinken und hat damit keine schlechten Erfahrungen gemacht - ganz im Gegenteil: „Ich habe festgestellt, dass ich gerade in diesen vier Wochen, in der Zeit des Ramadans, noch stärker bin als sonst und noch mehr Leistung bringe. Vielleicht ist das aber auch eine Kopfsache“, schöpft der Kicker gar Kraft aus dem Verzicht.
So oder so: Mit dem Beginn des neuen Monats Schawwal, den man ebenfalls durch die Sichtung der neuen Mondsichel festlegt, feiern die Muslime das Fest des Fastenbrechens. Dann braucht auch der strikteste Gläubige auf nichts mehr zu verzichten. Auch wenn das wie im Fall von Haimami vielleicht gar nicht dazu führt, dass er dann erfolgreicher Fußball spielt.
Auf Seite 2: Umfrage - Wie gehen Amateure mit dem Fastengebot um?Essen (RS). Wie gehen die Fußballer im Revier mit dem Thema „Ramadan“ um? Halten Sie sich an die Fastenzeit? Oder geht eine „fußballgerechte“ Ernährung vor? RevierSport hörte sich um.
Ahmet Özkaya, Geschäftsführer und Co-Trainer bei YEG Hassel: „Die Wurzeln unseres Vereins sind türkischer Natur, daher ist es klar, dass Ramadan bei uns ein großes Thema ist. Etwa 70 Prozent unserer Spieler sind davon betroffen. Allerdings gibt es keinen, der das Fasten wirklich unumwunden betreibt. Die Spieler haben eine Vereinbarung mit dem Trainer getroffen: an Trainingstagen wird gefastet, freitags bis sonntags, also zwei Tage vor und am eigentlichen Spieltag, essen und trinken sie ganz normal. Das klappt auch alles ganz gut, es gibt keinen, der eingeschränkt ist, oder gar umkippt.“

Hassan Yildirim, Trainer des TSV Bruckhausen (RS-Foto: Rieckhoff).
Hassan Yildirim, Trainer beim TSV Bruckhausen: „Wenn ich sagen würde, es wäre leicht in dieser Zeit würde ich lügen. Aber so ist nun mal unser Glauben und wir müssen damit in den vier Wochen klar kommen. Natürlich merken wir die Einschränkungen. Die Jungs dürfen von morgens 5 Uhr bis abends um halb acht nichts essen, nichts trinken, da kann man nicht erwarten, dass sie die volle Leistung bringen können. Bei dem ein oder anderen geht der Kreislauf dann schon mal in den Keller, einer unserer Trainer ist letzte Woche sogar umgekippt. Aber ich denke, wir werden insgesamt gut damit fertig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass etwa 80 Prozent der Spieler wirklich strikt fasten. Aber ich finde gut, dass sich die Jungs an die Regeln ihres Glaubens halten.“
Thomas Wiener, Trainer bei Westfalia Buer: „Bei uns sind rund 80 Prozent der Spieler muslimischen Glaubens und daher auch vom Ramadan betroffen. Vier von den Jungs ziehen das Fasten auch komplett durch, die anderen sind da etwas offener. Ich respektiere den Glauben und richte mich darauf ein. Während diesen vier Wochen findet das Training dann halt mal später statt, je nach dem, wann die Jungs wieder essen dürfen. Es klappt auch ganz gut und die Jungs ziehen da auch mit. Sie wissen, wenn wir gar nicht trainieren würden, wäre der Leistungsabfall zu groß. Das Problem ist natürlich, dass die muslimischen Spieler stark an ihrer Leistungsgrenze arbeiten. Die erste Woche klappt immer noch ganz gut, in der zweiten und dritten wird es dann schon schwieriger, die vierte Woche ist für uns die schlimmste, das geht dann richtig an die Substanz. Wir versuchen trotzdem, das Beste daraus zu machen. Außerdem sehe ich das im Amateursport nicht ganz so dramatisch. Wir haben einen großen Kader und wenn es dann bei einem Spieler gar nicht mehr geht, dann müssen wir ihn halt auswechseln.“
Erkan Üstünay, Trainer des SV Genc Osmanlispor: „Von unserer ersten Elf sind sieben Spieler vom Ramadan betroffen, insgesamt aber die große Mehrheit des Kaders. Die vier Wochen sind nicht leicht für den Verein, es ist für die Jungs natürlich schwierig, ihre komplette Leistung abzurufen. Aber viele halten das wirklich gut aus. Die, die mit dem Fasten nicht so zu Recht kommen, die lassen es dann einfach. Auch wenn sie merken, dass sie nicht mehr 100 Prozent auf dem Platz geben können, stellen sie das Fasten ein und essen und trinken ganz normal. Allerdings holen sie die Tage, die ihnen vom Ramadan fehlen, dann nach. Das ist den Jungs schon wichtig.“

Kutlay Yergök, Trainer von Barisspor Bottrop.
Kutlay Yergök, Trainer von Barisspor Bottrop: „Heutzutage ist es vor allem auch hier in Deutschland so, dass viele mit dem Ramadan offener umgehen. Ein Großteil der Spieler hält sich zwar daran, aber auch nicht konsequent. Gerade an den Spieltagen würde das auch gar nicht funktionieren, da fastet bei uns niemand. Es gibt zwar so drei, vier Spieler, bei denen sich das Fasten bemerkbar macht, aber ich kann nicht sagen, dass sich der Ramadan jetzt besonders negativ auswirkt. Natürlich ist es einfacher, wenn der Fastenmonat auf die Wintermonate fällt, da halten sich dann auch mehr Spieler daran. Aber im Sommer, wenn wir drei Mal die Woche trainieren und außerdem am Wochenende ein Spiel haben, gehen sie damit lockerer um.“
Abdul Haimami, Spieler der SG Schönebeck: „Ich faste seit meinem elften Lebensjahr und habe das von zu Hause so gelernt. Es hat mittlerweile auf jeden Fall was mit Gewohnheit zu tun, auch wenn die ersten Tage immer schwierig sind und sich der Körper erst wieder ans Fasten gewöhnen muss. Ich bin gläubiger Muslim und deswegen ist es meine Pflicht, diese vier Wochen zu fasten und das mache ich auch gern. Ich habe in meiner Zeit als Fußballer immer wieder blöde Sprüche deswegen gehört. Ich sei ja verrückt und das wäre ja nicht gesund. Mit letzterem haben die Leute vielleicht Recht, aber bei mir ist es so, dass ich den Hunger zum Beispiel gar nicht spüre. Den Wassermangel allerdings schon, das ist gerade in der ersten Zeit manchmal nicht so leicht. Früher war es oft so, dass die Trainer dann gesagt haben: ‚Wenn du wegen deinem Fasten die Leistung nicht bringst, dann sitzt du eben auf der Bank!’ und vielleicht kommt es auch daher, dass ich mich während des Ramadans besonders anstrenge. Auch mein Training ziehe ich ganz normal durch. Wenn es über die Zeit hinausgeht, in der ich eigentlich wieder essen dürfte, trainiere ich trotzdem ganz normal zu Ende und nehme dann eben danach Nahrung zu mir. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber ich habe mit dem Fasten wirklich gar kein Problem und spüre auch keinen Leistungsabfall oder sonstige Einschränkungen.“
Hikmet Öztürk, Torwart der SSVg. Velbert: „An Trainings- oder Spieltagen fast ich nicht. Das geht nicht, sonst könnte ich keine Leistung bringen. Aber wenn ich frei habe, halte ich mich an den Ramadan.“
Elmar Redemann, Steffie Zwaagstra