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07.12.2008 Druckversion | Versenden

Der Film "Football under cover" verschafft Einblicke

Ein undenkbares Spiel


Ein Stadion in Teheran im April 2006: Auf dem Rasen kämpfen 22 verschleierte Frauen um einen Ball, mehr als tausend auf der Tribüne jubeln ihnen zu. Vor den Stadiontoren versucht ein Mann durch eine Lücke in der Bretterwand, einen Blick auf das Spielfeld zu erhaschen. Er wird von den Ordnungskräften weggeschickt. Der Dokumentarfilm „Football under cover“ verschafft Einblicke, obwohl es eigentlich oft darum geht, wie man sich verhüllt.




Dieser Film hat nichts mit Fußball zu tun. Und doch so wunderbar viel. Eine Berliner Frauenfußballmannschaft macht sich auf den Weg in den Iran, um dort gegen die iranische Frauenfußballnationalmannschaft zu spielen, die zuvor noch kein Spiel bestritten hatte, sogar noch nie außerhalb einer Halle trainieren durfte. Ein Schattendasein im Land der Scharia, des islamischen Rechts, das Frauen unter das Kopftuch und einer Art Apartheid zwängt. Aber nicht um die große politische Abrechnung geht es dem vielfach prämierten Dokumentarfilm „Football under cover“, sondern darum Klischees zu sprengen, sensibel die Geschichten und die Träume der jungen Frauen zu erzählen – in Teheran und in Kreuzberg. „Indem wir über den Fußball einen kulturellen Dialog herstellen, versuchen wir, ein realistischeres Bild zu vermitteln, das nicht von vorneherein ideologisch verzerrt ist. No politics, just passion“, erklären die Dokumentarfilmer Ayat Najafi und David Assmann unisono.

Jubelnde Spielerinnen der iranischen Nationalmannschaft bei ihrem ersten offiziellen Spiel gegen den BSV Al-Dersimspor, April 2006.


Während die Spielerinnen des BSV Al-Dersimspor neben dem Doppelpass auch noch den iranischen Sittenkodex trainieren, rückt der Film virtuos die verschiedenen Lebenswelten in den Mittelpunkt des Geschehens. Da ist die Muslimin Susu in Berlin, eine Mittelstürmerin par exellence, o-beinig, kraftvoll, ein Energiebündel, das kein Blatt vor den Mund nimmt. „Fußball ist einfach alles“, erklärt sie grinsend. Da ist die junge Iranerin Niloofar, die ihre Kappe tief ins Gesicht gezogen hat, der Reißverschluss ihrer Sportjacke ist bis zum Kinn zugemacht. Sie hat sich als Junge verkleidet, um so einmal ohne Kopftuch zu trainieren. Sie macht, was sie will, sagt sie, und träumt von Beckham. Da ist Narmila und ihre Mutter, die 1968 selbst Nationalspielerin des Iran war. In Teheran verloren sie gegen Italien mit 0:2. Damals war der Frauenfußball in Deutschland noch vom DFB verboten, im Iran sorgte dafür später die islamische Revolution. „Frauenfußball in Iran ist ein ständiger Kampf der Frauen für ihre Träume und das, was sie lieben“, resümiert Ayat Najafi. Und wenn die Bilder der gemeinsam mit Männern bolzenden Berlinerin Susu parallel zu der in abgelegenen Teheranern Straßen kickenden Narmilia montiert werden, spürt man plötzlich, dass die Welt doch rund ist, und der Fußball die Kraft hat, Menschen zu verbinden.

Die Iranerin Narmila trainiert in einem Teheraner Park.


Schließlich steigt die Berliner Crew tatsächlich ins Flugzeug Richtung Teheran. „Wir sind ohne Visum in den Iran geflogen und wussten nicht mal, ob wir den Flughafen verlassen dürfen“, erinnert sich die Spielerin Marlene Assmann an die anfängliche Ungewissheit, denn schon vorher entpuppten sich Zusagen des iranischen Fußballverbandes als Luftblasen. Aber es kommt zu dem Spiel, von dem vorher so viele erklärten, dass es „undenkbar“ sei. Wenn auch unter obskuren Verhältnissen. Während in der Halbzeitpause die komplett in schwarz verhüllten Sittenwächterinnen die Zuschauerinnen ermahnen, „ungehöriges Benehmen“ zu melden, werden die Parolen auf der Tribüne zu politischen Statements. „Als Frau habe ich nur die Hälfte der Rechte“, skandiert eine Gruppe von Bürgerrechtlerinnen. Sie verstehen ihr Engagement als Teil ihres emanzipatorischen Kampfes, wie sie in einem Interview, das der DVD als Feature beigegeben ist, erklären. Dass das Kopftuch wichtiger sei als das Spiel, dieses Diktum der Herrschaft, wird zumindest für 90 Minuten ad absurdum geführt. Die Freiheit des Fußballs stellt die Unterdrückungsmaschinerie ins Abseits. Das Spiel endet diplomatisch unentschieden. Der größte Sieg war es, dass es überhaupt stattgefunden hat. Ein Jahr später wurde das Rückspiel in Berlin zwei Tage vor der Austragung von iranischer Seite abgesagt. Der Film darf bis heute nicht im Iran gezeigt werden. Aber allein das er existiert, macht Hoffnung: für die Frauen im Iran und für den Fußball, der manchmal doch noch zu seiner ursprünglichen Kraft findet.


football under cover
Dokumentarfilm, 86 Min., Regie Ayat Najafi/David Assmann, Flying Moon Filmverleih, Deutschland 2007. DVD-Veröffentlichung: November 2008. Bester Dokumentarfilm und Publikumspreis der Berlinale. Die DVD erscheint mit diversen Extras und einem 32seitigen Booklet.






Ralf Piorr




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